Veröffentlicht am 25.03.19

Schweizer Fernsehposse

Eine Sendung im Schweizer Fernsehen über eine Sekundarschule im Kanton Zürich löst Kontroversen aus. Der Mit-Herausgeber von „Einspruch“ Alain Pichard wendet sich  an den Sender.

Liebe Frau Wannenmacher,

Mein Name ist Alain Pichard, Lehrer in Orpund (BE) und auch schon Gast in diversen Sendungen von srf. Ich habe  mir die Ausgabe „Kulturplatz“ des Schweizer Fernsehens vom 13.3.2019  (Schule im Aufbruch in das digitale Zeitalter) zweimal angesehen und möchte Sie mit allem Respekt auf einige «Unterlassungen» und faktenwidrige Informationen hinweisen.

1. Die Schule Niederhasli hat auch eine andere Geschichte

Sie gehen von der Sekundarschule Niederhasli im Kt. Zürich aus und porträtieren diese als vorbildlich und pionierhaft im Umgang mit den neuen Medien.  Originalzitat: «Schon vor sieben Jahren wurde hier begonnen, die Digitalisierung als pädagogische Chance zu sehen, um ein innovatives Schulmodell zu entwickeln, das auf Selbstorganisation und Selbstverantwortung der Schüler*innen setzt. Mit Erfolg. Die preisgekrönte Sekundarschule gilt als Vorzeigeprojekt im Kanton Zürich.»

Und für sich selber nehmen Sie in Anspruch: «Der «Kulturplatz» fragt: Zurecht?» Wenn Sie die Antwort wirklich interessiert hätte, hätten sie gar nicht heftig recherchieren müssen:  Die andere Seite dieser Schule wurde pikanterweise von einem weiteren Sendegefäss Ihres Hauses aufgegriffen. «Schweiz aktuell» berichtete über entrüstete Eltern, welche gegen den individualisierten, computerbasierten Unterricht protestierten. Und dieser Widerstand entstand keineswegs aufgrund diffuser Ängste, sondern hatte seinen Ursprung in den Erfahrungen der Eltern und SchülerInnen mit dieser Art Unterricht.  Ich schicke Ihnen in den kommenden Tagen unseren «Einspruch 2» zu, der diese Seite des Schulexperiments aus Sicht der Eltern, SchülerInnen und vieler Lehrkräfte, welche gekündigt hatten, auf 5 Seiten darstellt. Nicht dass ich erwarte, dass Sie diese Sicht der Dinge übernehmen. Aber mit keinem Wort auf diese Vorgänge einzugehen, die im Übrigen mit der Kündigung des Schulleiters einen Höhepunkt erreichten, empfinde ich als Gebührenzahler schon als «starkes Stück».

2. Silicon Valley

Ihre Reporter hätten gar nicht ins Silicon Valley fahren müssen. In Birmensdorf existiert bereits eine vollkommen auf Computerprogrammen abgestützte Privatschule. Kostenpunkt: 30’000 Fr. pro Jahr pro Lernenden. Wenn Sie aber nach Silicon Valley fahren, hätten sie auch über die vielen Spezialisten der Computerbranche hinweisen können, die ihre Kinder auf eine Waldorfschule schicken und ihnen bis 12 Jahren jegliche Art Umgang mit Smartphone, Tablet und Laptop verbieten. Ich empfehle Ihnen hierzu auch die Lektüre von Informatikprofessor Gerhard Lembke «Die digitale Lüge», der zu einem gänzlich anderen Befund kommt, als Ihr euphorischer Beitrag.

YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=b5zH0-XXLco&t=36s

3. PISA, Singapur und Finnland

Sie fallen in Ihrem Bericht in eine der bekanntesten PISA-Fallen hinein. PISA betreibt keine Ursachenforschung. Ihr Reporter tut dies dennoch und gänzlich faktenfrei und reduziert die Erfolge dieser Länder auf Ihren Umgang mit den Tablets.

Im Fall von Singapur handelt es sich um eine glatte Falschinformation. Die asiatischen Spitzenreiter Singapur, Hongkong, Südkorea, Japan und Vietnam erreichen Ihre phänomenalen Zahlen vor allem mit einem extrem leistungsbezogenen Mathematikunterricht und einem klar lehrerzentrierten, von der Lehrkraft gestalteten Unterricht, der – wie der neuseeländische Bildungsforscher Hattie in seiner Metastudie feststellte – immer noch die beste Wirkung erreicht. Natürlich kommen in diesen Staaten die neuen Medien zum Einsatz, aber als Erweiterung der Lehrmittel und nicht als programmatische Lehrsteuerung. Ich empfehle Ihnen hier die Lektüren von Professor Roland Reichenbach, der in Südkorea war, und die Erkenntnisse des Soziologen Gunnar Heinsohn.

Was Finnland betrifft, scheinen Sie die Ergebnisse der PISA-Studien aus dem Jahr 2015 nicht zur Kenntnis genommen zu haben. Finnland  hat in dieser letzten Testserie einen markanten Rückschlag erlitten und ist heute auf demselben Stand wie Deutschland (und hinter der Schweiz). Und das, obwohl sich an den Schulen Finnlands seit den ersten Testergebnissen kaum etwas verändert hat. LIegt es vielleicht an der Umstellung auf einen computerbasierten individualisierten Unterricht? Im Gegensatz zu Ihnen erlauben wir uns hier keine voreiligen Erklärungsversuche und konstatieren einfach mal. Zum Beispiel den Fakt, dass Finnland trotz Notenfreiheit, wenig Selektionsdruck und einer 90%-igen Maturquote die unmotiviertesten SchülerInnen (geht aus den PISA-Befragungen hervor) und eine Jugendarbeitslosigkeit von 22% hat.

3. Frankreich

Sie berichten über das Collège de la Libérté in Drancy bei Paris. Auch hier empfehle ich Ihnen, sich einmal auf Google (ja, auch ich recherchiere auf Google) über dieses Institut zu informieren. Vor kurzem gab es dort einen Schülerstreik für einen Lehrer, der von der Schulleitung wegen seiner Gesinnung drangsaliert wurde (was leider auch in der Schweiz immer häufiger vorkommt). MCI: Grève pour soutenir un enseignant au collège Liberté 

Viel interessanter ist aber die gegenwärtige Bildungsdebatte in diesem stark verunsicherten Land: Frankreichs Unrettbarkeit

Nach den schlechten TIMMS-Resultaten beauftragte Herr Macron die renomierten Mathematiker Viliani und Tossiani mit einer Untersuchung. Die beiden Mathematiker präsentierten 21 Punkte für eine Verbesserung des Mathematikunterrichts. Darunter – man höre und staune –  das bekannte «back tot he roots», das Zurückfahren des «entdeckenden Lernens» und der «Individualisierung» – kurzum mehr Hattie und weniger «schülerzentrierte Einheiten!

4. Der Support

In all diesen Phantasmen werden sehr oft ganz praktische Dinge ausser Acht gelassen: Auch in Ihrer Sendung: Da wäre einmal der Support, denn die Verdrahtung und Digitalisierung einer mittleren Schule ist wesentlich komplexer als die eines mittelständisches Unternehmens. Die enorme Entwicklung erfordert einen immer schnelleren Ersatz von Geräten und damit immer kürzere Laufzeiten der angeschafften Laptops du Tablets.

5. Grundsätzliche pädagogische und philosophische Überlegungen

Natürlich ist es nicht möglich, all diese Zusammenhänge in Ihrem Format «Kulturplatz» darzulegen. Die Frage stellt sich: «Warum tun Sie das trotzdem?» Denn wenn man es versucht, riskiert man Einseitigkeit, Unvollständigkeit, Mythenbildung und groteske Verzerrungen. Das ist Ihnen passiert.

Über die grundsätzlichen Herausforderungen der digitalisierten Schule gäbe  es noch einige Stichworte, die einer Analyse wert wären: Die Schule als Mekka der Überwachungspädagogik! Klassenraum als Office, Unterricht modelliert an der Projektarbeit eines High-Tech-Unternehmens. Kooperation als Ressourcenaktivierung und Prozessualisierung von Steuerung (Organisation, Feedback, Optimierung, Solutionismus), die Verkaufsabsichten und Marketingstrategien der IT-Lobby, die Digitalisierung der Bildung als technologiegetriebene und nicht als didaktische Diskussion usw.

Die Beurteilung darüber, welchem Menschenbild Sie mit der kritiklosen Propagierung des digitalisierten Unterrichts Vorschub leisten – notabene in einer Kultursendung – überlasse ich Ihnen.

Alain Pichard

P.S. Im Anhang sende ich Ihnen noch einen Beleg aus der NZZ:

Bildungswunder Finnland? Ein schwächelnder Musterschüler

Das progressive Schulsystem sei schuld am Leistungsabfall der finnischen Schüler, meint eine britische Studie. Die Adressaten reagieren mit gereiztem Widerspruch. Die Reformen gehen weiter. Von Jenny Roth.

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