Veröffentlicht am 14.04.14

Eine kleine Dekonstruktion des Bertelsmannschen Bildungsbegriffes

„Bildung

Besseres Lernen, ein Leben lang: Bildung fängt vor der Schule an und endet nie, denn Bildung ist mehr als Wissen. Bildung ist die Basis für ein erfülltes Leben und soziale Teilhabe. Eine leistungsfähige und demokratische Gesellschaft braucht möglichst viele gut gebildete, handlungsfähige Menschen. Der internationale Wettbewerb und die wachsende Vielfalt in unserer Gesellschaft stellen unser Bildungssystem vor neue Herausforderungen. Wir müssen die Bildungsqualität steigern, allen Menschen von Geburt an individuelle Lernwege eröffnen und dadurch gerechte Bildungschancen ermöglichen. Jeder muss bereit sein und die Möglichkeit haben, kontinuierlich hinzuzulernen. Investitionen in Bildung sichern die Zukunftsfähigkeit unseres Landes und fördern Integration und gesellschaftliches Engagement.“ (Zitat Ende)

Quelle Bertelsmann-Website (Zugriff 14.4.2014)

Die Textanalyse soll folgende Fragen beantworten: (1) Um was für eine Art von Text handelt es sich? Soll er informieren, aufklären, eine bestimmte Sicht der Dinge propagieren, werben usw.? (2) Welche Frames (Wissensrahmen) können identifiziert werden, die mittels der Lexeme (Wörter) evoziert werden? Welche Rolle spielen die so aufgerufenen Frames für die Schlussfolgerungen (Inferenzen) der Leser? (3) Ist es möglich, eine dem Text zugrundeliegende „subjektive Theorie“ zu rekonstruieren? (4) Welche Mechanismen können identifiziert werden, die darauf abzielen, Bewusstseinszustände von Lesern zu verändern? (5) Wie immunisiert sich der Text gegen Widerlegung oder Widerstand?

Die wesentlichen Methoden, die hier zur Anwendung kommen, sind die Frame-Analyse (nach Busse u. Ziem) in Verbindung mit einer Relevanzanalyse (nach Zelger). Die Textanalyse wird ferner um wort- und satzsemantische, funktionalstilistische und diskursanalytische Hintergrundannahmen bereichert.

Ein Frame ist eine mentale Struktur, die aus einem Frame-Kern (Thema des Frames) besteht und aus einer bestimmten Konstellation von Wissenselementen, die um den Kern herumgruppiert sind. An wenigen sprachlichen Schlüsselmerkmalen erkennen wir, welche Frames gemeint sind. Man vergleiche die Sätze „Er hatte zwei Stunden an Land verbracht“ / „Er hatte zwei Stunden am Boden verbracht“. Diese Wissenselemente sind keine absoluten Elemente, sondern sie sind immer an die Perspektive eines Individuums oder eines Kollektivs gebunden bzw. auf die gewünschten Perspektivenübernahmen durch Leser hin berechnet. Individuelle Frames repräsentieren individuelle Erfahrungen, kollektive Frames repräsentieren die Erfahrungen von Gruppen, die zu einer (partiell) gemeinsamen Sehweise „sedimentieren“. Neben Erfahrungen können auch andere Wissensformen zu Frames verdichtet werden: Interessen, Images, Grundüberzeugungen („belief systems“).

Die ganze Analyse von H. Ebert als PDF: H. Ebert: Dekonstruktion des Bertelsmannschen Bildungsbegriffs

Frame Governance – Von der sanften Steuerung unseres Denken, Sprechen und Handelns am Beispiel der Bertelsmann Stiftung

Kommentar von Matthias Burchardt, Köln

An dieser Stelle ist häufiger über die antidemokratischen Manipulationen der Bertelsmann Stiftung berichtet worden, oftmals aus der Perspektive der Bildungstheorie. Mit dem ausgesprochen erhellenden Beitrag von Helmut Ebert (Rheinische Friedrich-Wilhelms Universität Bonn) liegt nun eine Analyse mit der Methodik der Frame-Semantik vor, die die bisherigen kritischen Einschätzungen nicht nur bestätigt, sondern auch vertieft und sogar übertrifft. Die Stiftung, so könnte man pointieren, greift auf unsere intellektuellen Grundmodelle (Frames) zu und versucht dort Bedeutungsverschiebungen vorzunehmen. Wer nicht bemerkt, was die trojanischen Heilsvokabeln der Stiftung tatsächlich transportieren, läuft Gefahr zu einem Frame-Insassen zu werden, dem zwar unbenommen bleibt, sich zu jeglichem Thema vermeintlich frei zu äußern, der aber gleichzeitig zum unfreiwilligen Erfüller und Multiplikator der semantischen Umprogrammierung wird. Die Methodik Eberts legt die strategische Zubereitung der Stiftungstexte offen und liefert dadurch eine Erklärung für die Erfahrung von Fremdheit und Missverständnissen in bildungspolitischen Dialogen, wo Kritiker zwar Phänomene und Argumente vorweisen können, aber trotzdem kein Gehör finden, weil Gesprächspartner nur Frame-konsistente Informationen aufnehmen können (›Kritik bitte nur konstruktiv, ergebnisorientiert und zielführend!‹). In politischer Hinsicht ist die Strategie des Frame Governance, also des Regierens durch die Etablierung und Kontrolle der inneren Modelle in hohem Maße bedenklich, da nicht nur die Öffentlichkeit, Lehrer und Professorinnen, sondern auch Journalisten und Politiker von diesen Transformationen ihrer kulturellen Grundorientierungen betroffen sind. Böse gesagt: Meinungsfreiheit und Demokratie verkümmern zu beiläufigen Oberflächenphänomenen, wenn die Herrschaft über die Frames ebenso clandestin wie autoritär durch Akteure anonymer Steuerungseliten übernommen wird.

Zu den Autoren: