Veröffentlicht am 05.11.15

Wie ist die Erfolgsgeschichte der empirischen Bildungsforschung zu bewerten?

Die Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Andreas Gruschka und Prof. Dr. Eckhard Klieme im (Streit-)Gespräch mit Ulrike Jaspers über Messen im Klassenraum, Bedeutung von Erziehung, Zynismus im Unterricht und vieles mehr.

In: Forschung Frankfurt, Heft 1 / 2015, S. 110 – 117

Jaspers: Forscher landauf, landab prüfen Schüler, analysieren Unterricht, entwickeln Kompetenzmodelle und Bildungsstandards und überprüfen diese regelmäßig. »Pisa und andere Studien haben in die aufgeregte Bildungsdebatte eine wohltuende Sachlichkeit eingeführt «, so hat es Ihr Kollege Manfred Prenzel von der »School of Education« der TU München formuliert, mit dem Sie, Herr Klieme, bei Pisa eng zusammenarbeiten. Lässt sich das so uneingeschränkt konstatieren?

Klieme: Nach der ersten Pisa-Studie ist erst mal das Gegenteil eingetreten. Es wurde aufgeregt herumspekuliert, und es gab diesen sogenannten Schock, der eigentlich schon ein paar Jahre vorher stattgefunden hatte. Denn spätestens seit der Timss-Studie 1995 waren viele in Politik und Wissenschaft darauf vorbereitet. Deshalb war es nach der Veröffentlichung der Pisa-Ergebnisse eher eine erzeugte Aufregung. Aber vieles war auch neu, nicht zuletzt der Fokus auf soziale Ungleichheit und ethnisch kodierte Ungleichheit in Bildungssystemen. Ich vermute, mein Kollege Prenzel zielt mit seiner Bemerkung auf etwas anderes ab: Die kontinuierliche Beobachtung des Bildungssystems anhand von Indikatoren, wie sie etwa Pisa liefert, ermöglicht eine ruhigere und gelassenere Diskussion darüber, was man eigentlich von diesem System erwartet und wo Stärken und Schwächen liegen. Das ist die Aufgabe von Bildungsmonitoring. Um das gleich klar zu machen: Dieses Monitoring ist nur ein kleiner, allerdings öffentlich stark wahrgenommener Teil der empirischen Bildungsforschung.

Jaspers: Die empirische Bildungsforschung in Deutschland hat sich seit den 1990er Jahren enorm entwickelt und spielt inzwischen international in der ersten Liga. Mitte der 2000er Jahre hat auch die Goethe-Universität in Kooperation mit dem Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung, einem Leibniz-Institut, diesen Schwerpunkt ausgebaut. Sie haben gerade betont, dass neben den großen Vergleichsmessungen eher im Mikro-Bereich erforscht wird, was im Klassenzimmer passiert.

Klieme: Empirische Bildungsforschung ist kurz gesagt: Erziehungswissenschaft mit den Mitteln der Sozialwissenschaften. Alles, was Bildung, Erziehung und Unterricht umfasst, kann mit den Theorien und Methoden sozialwissenschaftlicher Forschung behandelt werden.

Jaspers: Herr Gruschka: Sie haben die empirischen Bildungsforscher als »Bildungsvermesser«, die den »Anspruch auf die einzig wahre Forschung« erheben, bezeichnet. Das konnte ich zumindest der Süddeutschen Zeitung entnehmen. Gruschka: Also ich weiß nicht, was die Süddeutsche da von mir aufgeschnappt hat, ich bin mir da keiner Schuld bewusst. Aber es lässt sich konstatieren, dass es indem Fach, für das ich stehe, einen ziemlich heftigen Streit gibt. Denn mit dem Aufstieg der empirischen Bildungsforschung hat eine bestimmte Spielart von Forschung einen außerordentlichen Hype erlebt – mit ungeheuren finan- ziellen Zuwächsen. Herr Prenzel berichtet immer ganz stolz, dass der Bund allein 150 Millionen Euro für die empirische Bildungsforschung ausgibt.

Jaspers: Schwingt da etwas Neid mit?

Gruschka: Nein, das ist eine Erfolgsgeschichte, die jedem Beobachter für erfolgreiches Wissenschaftsmanagement Respekt abnötigt. Aber in diesem Kontext wird alles in den Schatten gestellt, was nicht unter dieses Label fällt. Wenn Sie heute an Beratungsgremien teilnehmen, ist zu bemerken: Das Nachdenken über Dinge gilt eher als philosophieverdächtig, und andere Formen des empirischen Zugriffs, die nicht messen – die also nicht sofort quantifizieren – werden von manchen Vertretern der empirischen Bildungsforschung als zuweilen interessant, aber eher dem Feuilleton zugerechnet bezeichnet.

Jaspers: Herr Klieme, sehen Sie Ihre Kollegen auch eher als Feuilletonisten der Zunft?

Klieme: Nein, natürlich nicht, ich bin Erziehungswissenschaftler wie Herr Gruschka, und die Erziehungswissenschaft lebt davon, dass sie sich an Kernfragen wie »was heißt es, Verstehen zu lehren?« oder »was heißt es, zu unterrichten? « gemeinsam abarbeitet. Diese Gegenüberstellung von Nachdenken und Vermessen, die Herr Gruschka macht, trifft jedenfalls wissenschaftlich einfach nicht zu. Empirische Bildungsforschung ist theoriegeleitete und theorieorientierte Forschung, sie zielt auf Theorieproduktion, also auf Nachdenken im anspruchsvollsten Sinne. Außerdem möchte ich noch darauf hinweisen, auch Sie vermessen, Beispiele dazu gibt es in Ihrem Buch »Theorie des Unterrichts «, wenn Sie mehr oder weniger gelingende Typen des Unterrichts unterscheiden.

Jaspers: Da regt sich Widerspruch, Herr Gruschka.

Das vollständig Interview als PDF:fofra_2015_1_interview_gruschka_klieme

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