Veröffentlicht am 05.04.18 |

Untertanen der Algorithmen

Die Digitalisierung manipuliert unser Denken, Fühlen und Handeln und verändert so unsere Lebensform

„Digitalisierung“ wird uns auf allen Kanälen aufgedrängt. Man kann das Thema jedoch nicht seriös diskutieren, ohne seine politischen und gesamtwirtschaftlichen Aspekte zu berücksichtigen. Neue Software, wie sie z.B. im Schulunterricht eingesetzt wird, sammelt nicht nur Daten über den menschlichen Geist – sie wirkt auch verformend und disziplinierend auf diesen zurück. Der Mensch gibt die Kontrolle über sein Leben mutwillig an undurchschaubare Algorithmen ab. Bald herrscht, wie in einigen Science fiction-Filmen, die Maschine über den Menschen, und der genormte Konsumbürger wird nach den Bedürfnissen der Wirtschaft zurechtgeknetet. Digitalisierung ist das Trojanische Pferd des Neoliberalismus und des ihn stützenden Überwachungsstaats. Ein Kassandra-Ruf.

Ja. Man kann digitale Unterrichtsmedien nach Maßgabe didaktischer Kriterien sinnvoll einsetzen. Und ja, die Schülerinnen und Schüler sind in ihrem Alltag permanent von dieser Technik umgeben, so dass eine medienethische und -pädagogische Aufarbeitung in der Schule notwendig ist. Und noch mal: Ja, es hat Sinn, wenn die jungen Menschen Medien nicht nur konsumieren, sondern auch schöpferisch mit ihnen umgehen lernen. Und ein letztes Ja: Wenn denn die Schule personell und baulich perfekt ausgestattet sein wird, wenn Lehren und Lernen in Beziehung, Bildung statt Kompetenz, Unterricht statt mechanischer Selbststeuerung stattfinden, dann richtet auch der gezielte Einsatz von Smartboards, Tablets und Cyberbrillen keinen gewaltigen Schaden an. Ja.

Alle diese Jas sind trivial, es sind medienpädagogische Binsenweisheiten, die seit den 70er Jahren abgefrühstückt sein sollten, und es sind zugleich Nebelkerzen. Wir starren auf die feurige Mitte und verlieren aus dem Blick, was der Nebel verhüllen soll. Die Diskussion über Smartboards und Tabletklassen bleibt naiv, wenn man sie nicht im Kontext globaler politischer und ökonomischer Transformationen führt. Zu diesen Transformationen sage ich kategorisch: NEIN! Ein Nein, das so groß ist, dass all die kleinen Jas dagegen verblassen. Ein Nein, dem jeder beipflichten müsste, dem Menschlichkeit, Demokratie und Frieden am Herzen liegen. Ein Nein, das umso lauter erschallen müsste, je mehr uns die Digitalisierung als alternativlos dargestellt wird. DieNeue Zürcher Zeitung (NZZ)kündigt exemplarisch eine Veranstaltung an: „Digital ist normal, Alternativen gibt es nicht. 0815 war gestern, die neue digitale Realität heisst 0915.“ (1)

 

Der vollständige Beitrag als PDF zum Weiterlesen: burchardt_digitale_unbildung

Dieser Artikel erschien zuerst in: Müller, G./ Sloot, A.: Schule 4.0. Bildung in der digitalen Welt. Moisburg 2018. S. 23-34.

Zu den Autoren:

Burchardt, Matthias

Dr. - Allgemeine Pädagogik, Institut für Bildungsphilosophie, Universität zu Köln, Geschäftsführung der GBW