Veröffentlicht am 08.01.13

Traut euch doch endlich!

Der Konstruktivismus, das letzte aus der progressiven Pädagogik, FAZ vom 12. Oktober 1998

Gastbeitrag von Heribert Seifert

Wenn Theorie und Wirklichkeit zusammenstoßen, und es stellt sich heraus, daß sie nicht zueinander passen, dann gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Störung zu beheben: Ein eher konventioneller Lösungsversuch wird die Theorie revidieren, um sie realitätstauglicher zu machen. In der Pädagogik ist dieser Weg freilich unbeliebt. Sie läßt sich ihre Utopien  von der Neuschöpfung des Menschen durch die richtige Form von Erziehung und Unterricht nur ungern durch kalte Empirie widerlegen. So wehrt sich die Reformpädagogik seit Jahren dagegen, ihr Scheitern mit Mängeln ihrer Konzepte zu erklären und identifiziert lieber den Staat, die Gesellschaft, die Lehrer, die Eltern oder die Schüler als die Schuldigen.
Jetzt aber hat die pädagogische Schwarmgeisterei einen Ausweg gefunden, die die ärgerliche Einrede der Wirklichkeit gegen die Blaupausen vom schönen neuen „Haus des Lernens“ ein für alle Mal zum Schweigen bringen soll. Die pädagogische Variante des „Konstruktivismus“ ist der einstweilen letzte Versuch, der Utopie Terrain zurückzugewinnen und den Widerstand der Realität zu brechen. Denn in konstruktivistischer Perspektive gibt es so etwas wie eine objektiv vorhandene Wirklichkeit nicht mehr. Die Welt löst sich auf in die unendliche Vielzahl der individuellen Welt-Anschauungen, die Wahrheitsfragen obsolet werden lasssen. Was in akademischen Nischen ohne Schaden esoterische Spekulationen in Gang hält und allenfalls TitanicÜberlebende provozieren kann, die ihre eigenen Vorstellungen von der Objektivität des Eisbergs haben mögen, gewinnt eine ganz andere Qualität, wenn es die Klassenzimmererobert. Während selbst in rot-grün regierten Bundesländern die Kultusminister „Qualitätssicherung“ in ihr rhetorisches Arsenal aufnehmen, betreiben zur gleichen Zeit die konstruktivistischen Bildungsbastler die Demontage sinnvollen Lernens und die Verwandlung der Schule in ein Gehäuse der Ich-Hörigkeit.

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