Veröffentlicht am 10.11.14 |

PISA – Wir bestimmen die Probleme

Über die Gefahr, dass die Bildungspolitik Probleme lösen will, die niemand an den Schulen hat und alltägliche Probleme der Schule nicht angeht.

Eine Vermutung

Politiker müssen stets entscheiden: Welche Probleme stellen sich? Welche sollen zuerst angegangen werden? Bei der Beantwortung dieser Fragen arbeiten den Politikern Interessengruppen zu. Man nennt dies bekanntlich Lobbyarbeit oder Politikberatung. Solche Politikberatung ist zum Beispiel das Ziel der OECD: Die ‘Zielsetzung und Arbeitsweise der OECD’ lautet: ‘Vergleichende Analysen (anzufertigen), Prognosen, Empfehlungen – Standards, peer reviews, Identifizierung von best practice – Trends, zukunftsweisende Strategien (zum Beispiel OECD Skills Strategy)’ – also all das, was Politik braucht. Und weiter heißt es: Die OECD gibt ‘Unterstützung bei der Implementierung’ von bildungspolitischen Maßnahmen. ‘PISA’ ist eine solche ‘Unterstützung’.

Vertrauen ist gut – Kontrolle fehlt nämlich

Die ‘PISA’-Studien müssen fremd-finanziert werden, denn sie sind nicht billig: ‘Die internationalen Kosten für Entwicklung, Durchführung und Auswertung der Studie liegen bei knapp zehn Millionen Euro für einen dreijährigen Durchgang; diesen Beitrag teilen sich die siebzig Staaten’ – sodass pro Nation rund 74.000 Euro zu veranschlagen sind. ‘In Deutschland kommen drei Millionen Euro für die Testdurchführung, Aufbereitung und nationale Auswertung hinzu.’ Das sagen die deutschen ‘PISA’-Organisatoren Eckhard Klieme, Olaf Köller und Olaf Prenzel.

Forschung ohne Kontrolle

Dieses Problem betrifft alle empirische Forschung in der Pädagogik: Da Empirie teuer ist, besteht kaum die Chance, kontrollierende oder alternative Forschungen gleicher Größenordnung aufzustellen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Pädagogik entscheidet über das, was erforscht wird, nicht die Logik eines Faches, sondern die finanzielle Ausstattung von Forschung. In der nichtempirischen Forschung gibt es Kontrollmöglichkeiten – durch Lektorate der Verlage und Zeitschriften, die die Manuskripte einer Vorprüfung unterzogen; durch eine wissenschaftliche Kritik, in der auf Probleme hingewiesen wurde und schließlich und massiv durch ergänzende und alternative Studien. Und durch die Praxis: Vorträge bei Lehrerverbänden, an Schulen gar geben ein unmittelbares Feedback – und stürzen allzu illusorische Pädagogen gelegentlich in tiefe Verzweiflung. Dies ist bei ‘PISA’ nicht möglich. Die Kritik an den Studien kann sich nicht der Mittel bedienen, die die Studie zur Erstellung ihrer Aussagen genutzt hat. Ihnen fehlen das Geld und die Bundespressekonferenz. Es entsteht ein Monopol auf Wahrheit – nicht aus ideologischer Absicht, wie in den totalitären Staaten des 20. Jahrhunderts, sondern allein aus Kostengründen. Um es zugespitzt zu sagen: Über Wahrheit wird durch Geld entschieden.

Der ganze Beitrag als PDF: Ladenthin: PISA – Wir bestimmen die Probleme

Zu den Autoren:

Ladenthin, Volker

Prof. Dr. - Lehrstuhl für Historische und Systematische Erziehungswissenschaft, Bonn