Veröffentlicht am 12.12.16 |

PISA 2015 – Reformpopulismus mit Zahlen.

Wenn man eine aktuell modische Vokabel benutzt, dann müsste man PISA (stets und immer) als „populistische“ Aufbereitung von Daten bezeichnen – nicht mehr und nicht weniger. Zunächst ist die Idee, einen Haufen Denkaufgaben den 15jährigen vieler Nationen vorzulegen und die Anzahl richtiger Lösungen miteinander zu vergleichen, sodann eine Reihenfolge der Nationen zu bilden, die den Medien zur Verdauung angeboten werden, banal und gedanklich so wenig anspruchsvoll, dass man das Stöhnen über so viel Volksnähe kaum unterdrücken kann.

Beispiele gefällig?
Beispiel Nr.1: Aus den PISA Daten kann man – das wissen auch alle, die die Ergebnisse mit Pomp publizieren – natürlich keinerlei sichere kausalen Schlussfolgerungen ziehen (dazu wären mühevolle Experimente nötig). Das heißt: Niemand weiß, warum die Ergebnisse in den Ländern unterschiedlich sind. Auch Korrelate zur Bildungsferne oder -nähe, zum Geschlecht oder zur Schulstruktur sagen nichts über die Ursachen aus. Punkt. Der PISA Rangplatz motiviert die Nationen mehr oder weniger „irgendetwas“ zu tun, man wird – wie weiland durch den Fußballtrainer Ernst Happel mit seinem „pressing“ Befehl vom Spielfeldrand – in eine unspezifische Erregung versetzt. „Irgendwas tun“ so die implizite populistische Botschaft – Reformen, Reformen – Hauptsache, es passiert was. Und wenn es nun die falschen Reformen sind? Wenn also etwas reformiert wird, was die Unterschiede im PISA Rangplatz gar nicht verursacht hat? Die PISA Abstiege von Finnland (in Mathe) und Schweden sollten allen zu denken geben. Gut, dass wir nicht alles nachgeahmt haben, weil beide Staaten mal besser waren.

PISA Rangplätze sind ein projektiver Ursachentest für populistische Ideologen: mal sind es als Erfolgsfaktoren die Gesamtschulen, mal das selbständige Lernen, mal die Gruppen- oder Projektarbeit – nichts davon ist durch PISA bewiesen. Wer so etwas daher labert, nimmt die populistische Verblödung seiner Zeitgenossen in Kauf.

Besonders lustig war der ZDF Film am 6.12.16 im „heute Journal“ – dort versuchten einige Befragte die evtl. in den Jahren 2017 und 2018 anstehende Rückkehr von NRW zu G9 als Ursache der Zukunft für die schlechten Ergebnisse in der Vergangenheit (PISA 2015) zu diffamieren (populistisches Stichwort „Unruhe“) – statt auf den gesicherten Boden der kausal belastbaren Bildungsforschung zurückzukehren: ein Jahr weniger Gymnasium ist ein Jahr weniger akademische Allgemeinbildung. Also, wenn überhaupt ist G8 schuld am Desaster (Vorsorglich für Unbelehrbare: – die bisherigen Studien zur Äquivalenz von G8 und G9 haben schwerwiegende gedankliche Mängel.)

Beispiel Nr. 2:  Die PISA Punktwerte: – schlichte Zeitgenossen glauben offenbar, dass sich hinter einem Wert von 509 (Deutschland in Mathe) so ungefähr 509 richtige Lösungen verbergen. Weit gefehlt. Man hätte statistisch und mathematisch korrekt auch sagen können: in Mathematik führt Singapur mit einem z-Wert von + 0,56 vor Deutschland mit einem z-Wert von +0,09. Kaum jemand hätte sich über einen derartigen Unterschied aufgeregt. Soo klein ist der Abstand!! Ja so ist er. Auch zu Griechenland (455) beträgt der z-Wert Unterschied absolut nur 0,54. PISA Technokraten haben von Anfang an 500 Punkte zum Mittelwert (=0) dazugezählt (Standardabweichung 1 mit 100 multipliziert), damit es nach mehr aussieht – das ist eine extrem populistische Aufbereitung.

Wie hätte in diesem Fall eine entdramatisierende Aufbereitung aussehen können? Nun – ungefähr 80% der  Schüler/innen in Finnland und Deutschland sind gleich gut – selbiges gilt auch im Vergleich zu Griechenland (meine Zahlen zu Cohens d sind gerundet, sog. Overlap). Wie wenig dramatisch! Oder: Von 100 SchülerInnen aus Singapur kämen nur rund 17 zu besseren Ergebnissen als bei 100 aus Deutschland (sog. nnt Werte – needed number to treat).

Beispiel Nr.3: Die z-Werte als Grundlage der PISA Werte sind nichts anderes als eine Skala unterhalb der Normalverteilung (der richtigen Lösungen) – in der Mitte tummeln sich die meisten Staaten/Menschen. Zwischen dem PISA Wert 400 und 600 liegen rund 68% der Fälle. Mit kleinsten Gewinnen rutscht man in der Rangskala gleich viele Plätze höher – die Rangskala der PISA Plätze zu interpretieren („Deutschland im oberen Mittelfeld“) ist also Kokolores. Die PISA Technokraten sollten stattdessen mal mitteilen, wie viele Matheaufgaben die Singaporesen in absoluten Zahlen mehr gelöst haben als die Deutschen – vielleicht sind es nur ein oder zwei?

Sollen wir PISA abschaffen? Nein – nicht nötig. PISA muss aber dringend reformiert werden – statistische Ergebnisse  müssen statistisch besser in Realität übersetzt werden – das geht. So wie jetzt ist es reiner Reformpopulismus mit Zahlen.

Zu den Autoren:

Dollase, Rainer

Prof. Dr. - Universität Bielefeld, Abt. Psychologie