Veröffentlicht am 19.11.19

Ökonomisierung der Kindheit

Im Vorfeld der Veranstaltung der St. Galler Kinderärzte traf Yasemin Dinekli den deutschen Kunstpädagogen Professor Dr. Jochen Krautz aus Wuppertal. Der neue Präsident der Gesellschaft für Bildung und Wissen (GBW) ist in der Schweiz auch als Autor (“Im Hamsterrad”, “Time for Change” und “Ware Bildung”) und Veranstalter der Wuppertaler Tagung “Time for Change” (siehe Condorcet-Blog: “Mut zur Freiheit”, 6.5.19) bekannt.

YD: Prof. Krautz, was müssen wir uns unter der Formulierung «Ökonomisierung der Kindheit» vorstellen?

JK: Man stellt sich meistens zunächst auf einer äusseren Ebene vor, dass Kinder immer mehr in die Konsum- und Warenwelt hineingezogen werden. Ganz offensichtlich ist das bei Spielzeug, Kleidung und digitalen Geräten, die schon ab der Kinderwiege Kinder als Konsumenten ansprechen. Das beschreibt die äussere Ökonomisierung der Kindheit. In Bezug auf das Thema Bildung und Schule zeigt sich noch eine ganz andere Ebene, dass nämlich zunehmend ökonomisch geprägte Denk- und Handlungsmuster auf Erziehung und Bildung übertragen werden.

Das heisst, Kinder werden nicht nur zu Konsumenten erzogen, sondern Schule – und damit Bildung und Erziehung – funktioniert zunehmend nach ökonomischen Kriterien und nach Handlungsmustern, die eigentlich aus dem Management, aus der Betriebswirtschaft, kommen und in pädagogischen Handlungszusammenhängen nichts verloren haben. Wir erleben insgesamt die Übertragung eines ökonomischen Menschenbildes, des sogenannten Homo oeconomicus, auf Zusammenhänge, in denen dieses Menschenbild nichts verloren hat. Das führt dazu, dass man Schüler, Kinder, immer stärker als sogenanntes Humankapital versteht, in das man investieren muss. Die Schüler sollen auch in sich selbst investieren, in ihre eigene Bildung. Sie gelten sozusagen als «Unternehmer ihrer selbst», als Verwerter ihres eigenen Bildungskapitals.

Das ganze Interview auf dem Condorcet-Block: Ökonomisierung der Kindheit

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