Veröffentlicht am 14.04.15

Man muss nicht studieren, um etwas zu sein

Der Münchner Philosoph Julian Nida-Rümelin erläuterte seine Thesen zum Akademisierungswahn im ‘FORUM’-Interview

Forum: Welche Rolle spielt der Status bei der Wahl des Ausbildungsweges? Warum zähle ich in Deutschland nur etwas, wenn ich studiert habe?

NIDA-RÜMELIN: So ist es ja nicht: Tatsächlich verdienen ausgebildete Techniker in Deutschland im Durchschnitt mehr als zum Beispiel Hochschuldozenten in den Geistes- und Kulturwissenschaften. In Deutschland war es bis heute eben keineswegs ausgemacht, dass man nur über ein wissenschaftliches Studium einen attraktiven Beruf ergreifen und anständig verdienen kann. Wir müssen aufpassen, dass wir eine unglückliche Propaganda, die es über viele Jahre in der Tat gegeben hat, nicht mit der Berufsrealität verwechseln. Meine Botschaft ist, dass es schlicht unzutreffend ist, man müsse studieren, um etwas zu sein. Wir haben, anders als in den meisten Ländern der Welt und speziell in den USA, attraktive Wege in attraktive Berufe mit guten Zukunftsperspektiven – auch ohne Studium.

Forum: Wenn immer mehr junge Menschen Abi machen und studieren, besteht dann die Gefahr, dass akademische Berufe und Ausbildungsberufe gleichermaßen abgewertet werden?

NIDA-RÜMELIN: Dies ist genau meine Sorge – die Universitäten, an der siebzig Prozent aller Studierenden sind, sind auf Forschung orientiert, das heißt, die Professorinnen und Professoren haben sich über meist hervorragende Forschungsleistungen qualifiziert. Sie haben in der Regel keinen Bezug zu beruflichen Tätigkeiten und keine oder wenig Praxiserfahrung. Wenn sechzig Prozent eines Jahrgangs – und die Entwicklung dahin zeichnet sich gegenwärtig ab – studieren und davon die allermeisten an Forschungseinrichtungen, dann lässt sich diese Ausrichtung nicht aufrechterhalten. Wir hätten dann in der Breite ein falsch qualifiziertes Lehrpersonal und Studierende mit falschen Erwartungen an die Hochschulen. Wenn umgekehrt aufgrund einer exorbitanten Zahl von Studierenden pro Jahrgang nur noch diejenigen, die sich auf ihrem Bildungsweg schwer getan haben, für Ausbildungsberufe zur Verfügung stehen, dann werden diese zwangsläufig abgewertet. Nur wenn sich ein breites Spektrum von Begabungen in der beruflichen Bildung abbildet, hat diese eine gute Zukunft. Zudem gibt es keine seriöse Studie, die auch nur annähernd einen Akademikerbedarf von fünfzig Prozent für die Zukunft prognostiziert. Vielmehr bestehen schon jetzt die dramatischsten Engpässe bei Lehrlingen und beruflich Qualifizierten, nicht bei Studierenden und Akademikern.

Das ganze Interview als PDF: Nida-Rümelin_man_muss_nicht_studieren

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