Veröffentlicht am 13.09.14

Kurzer Hinweis auf eine Publikation in Frankreich

Gastbeitrag von Armin Volkmar Wernsing

Wie in jedem September hat auch 2014 die OECD ihren „Bildungsbericht“ veröffentlicht, der wie immer auf der einfältigen Reduktion von Bildung auf die Ansammlung von Humankapital und der ordinären Definition des Menschen als Unternehmer seiner selbst beruht. Wie schon früher beklagt die OECD, dass Deutschland nicht genügend Akademiker hervorbringe und dass immer mehr Akademikerkinder keinen Hochschulabschluss anstrebten ‒ vermutlich haben sie gehört, dass hierzulande Tausende von Wissenschaftlern sich mit Zeitverträgen durchschlagen müssen oder dass man als Lehrer keineswegs im Luxus schwelgt. Französische Wissenschaftler haben das neoliberal organisierte Bildungswesen 2011 so gesehen:

Den Geldgewinn als Endziel der Bildung zu sehen, ist heute eine Selbstverständlichkeit. Man darf jedoch nicht vergessen, dass diese ultra-utilitaristische Perspektive erst seit kurzer Zeit dominiert. Ohne auf die Texte der Gründerväter der westlichen Schule und Universität zurückzugehen, die von den gegenwärtigen neoliberalen Reformatoren als „Mythen“ oder unnütze Fiktionen angesehen werden, muss man daran erinnern, dass die Herrschaft des ökonomischen Diskurses zur gleichen Zeit begann, als die Bindungen zwischen Universität und dem öffentlichen Sektor schwächer wurden, ein Sektor, in dem die verschiedenen Bildungseinrichtungen eben noch nicht finanziell „optimiert“ waren. […] Man denke zum Beispiel an die Masse der Absolventen mit sehr hohem Niveau, die an die Schule oder in die Grundlagenforschung gegangen sind, und das, wie in Frankreich der Fall, für sehr viel geringere Gehälter als im privaten Bereich. Das lag daran, dass der „Gewinn“ des Wissens eben nicht zuerst und überhaupt als individueller Geldgewinn, sondern als Mittel betrachtet wurde, zu einem gemeinsamen Unternehmen beizutragen, zu einem gemeinsamen Schatz, indem man gleichzeitig ein persönliches Streben nach Wissen befriedigte, der Suche danach und seiner pädagogischen Verbreitung. Anders gesagt, das erworbene Wissen hatte noch nicht die gesellschaftliche Gestalt des ausschließenden Privatbesitzes bekommen, die es heute zunehmend annimmt.  […] Wenn unsere Aufmerksamkeit so stark auf die Evaluation von Kosten/Gewinne gelenkt wird, dann weil die Ungleichheit der Gehälter und der beruflichen Schicksale immer größer wird. Immer häufiger will man Arbeitslosigkeit mit persönlichen Qualifikationsdefiziten erklären und nicht als ein strukturelles ökonomisches Phänomen. Die absolut astronomische Höhe der Gehälter am anderen Ende der Kette will man als natürliche Folge von außergewöhnlichen Kompetenzen erklären. Die Entwertung von Werten, die nicht Geld und Macht darstellen, die allgemeine Verbreitung von unternehmerischen und Manager-Verfahren  im Handeln der öffentlichen Gewalt, das bemerkenswerte Wachstum der Ungleichheit bei Gehalt und Besitz, das Sinken der Kaufkraft und der Verfall der Lebens- und Wohnungsverhältnisse der gebildeten Mittelschicht führen zunehmend zu einem gesellschaftlichen Diskredit aller kulturellen, ethischen und politischen Betrachtungen, die sich nicht sogleich in persönlichem Geldgewinn auszahlen. Die Dominanz der Theorie vom Humankapital zeigt daher nicht nur eine Privatisierung in der Vorstellung vom Wissen, sondern ganz allgemein, dass das Leben selbst nur mehr unter finanziellen Aspekten verstanden wird.

Der von den Bildungseinrichtungen herzustellende Besitzer von Kompetenzen, die sich auf dem Arbeitsmarkt verkaufen lassen, ist jedoch, das weiß ein jeder, den Unwägbarkeiten künftiger ökonomischer Entwicklungen ausgesetzt. Darum beruhen die Kompetenzen weniger auf Wissen als auf der Fähigkeit, sich flexibel neuen Situationen anzupassen und allenfalls erforderliches Wissen jederzeit (käuflich) zu erwerben. Die französischen Autoren sehen die neue Lebenslogik so:

Für den Schüler oder Studenten handelt es sich nicht mehr darum, in einem weiten Feld der Möglichkeiten eine offene Beziehung zur Zukunft aufzubauen. Es handelt sich auch nicht darum, ihm zu gestatten, sich als Erfinder seiner selbst, seines Bezugs zur Welt und zu anderen Menschen zu konstituieren; es geht darum, in ihm den aktiven Willen zum Selbstverkauf auf dem Arbeitsmarkt zu erzeugen. Nachdem man das zu erreichende Ziel vorweg definiert und um-schrieben hat, nämlich die optimale Einpassung des Individuums in die Konkurrenzwirtschaft und die Verinnerlichung von deren Regeln und Kodes, beschränkt sich die neue [pädagogische] Orientierung darauf, die besten Strategien zu lehren, um dorthin zu gelangen. […] Die neue, auf eine „aktive Orientierung“ abstellende Schule möchte eine Subjektivierung zur Ware erreichen, das heißt, das Individuum dazu drängen, sich selbst möglichst früh als Ware auf der Suche nach einem Käufer zu begreifen.

Das Erziehungsziel der Selbstausbeutung und der freiwilligen Unterwerfung  muss man aus der schönen Verpackung des freien Individuums mit einem „successful life“ herauslösen, um zu sehen, welch eine Selbstaufgabe auch von den Lehrern verlangt wird. Die Autoren der Nouvelle école capitaliste geben dazu viele Hinweise. Zum Beispiel diesen:

Langsam fortschreitend wurde also eine Definition der berühmten Kompetenzen entwickelt, welche sämtliche Bildungseinrichtungen zu fördern hatten und nach denen eben diese Einrichtungen evaluiert werden konnten. Einem ersten Bericht zufolge war die gewählte Methode „funktional“, weil sie auf die Fähigkeit der Individuen verwies, Aufgaben zu bewältigen, indem sie ihre Kenntnisse einsetzten, aber auch „geeignete Emotionen und Haltungen“; „der Begriff Kompetenz umfasst kognitive, aber auch motivationale Komponenten, sowie ethische, soziale und verhaltensbezogene“.

Man kann kaum deutlicher eingestehen, dass diese Erziehungslehre eine antihumanistische Ideologie ist, die den totalen Zugriff auf die Psyche des Einzelnen benötigt, um zu funktionieren.

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