Veröffentlicht am 30.10.16

Einspruch! Kritische Gedanken zu Bologna, Harmos und Lehrplan 21

Wissenschaftler, Lehrkräfte, Künstler, Politiker analysieren und kritisieren die gegenwärtige Schulreform, 4. Auflage seit März 2016

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Bildungs­interessierte, liebe Lehrerinnen und Lehrer, liebe Eltern,

bisher haben sich zu den problematischen Entwicklungen rund um HarmoS, Lehrplan21 und Frühsprachenkonzept fast ausschliesslich konservative Kreise kritisch zu Wort gemeldet. Die eher progressiven und liberalen Kreise haben sich bis heute viel zu wenig darum gekümmert, was wir uns mit diesen grundlegenden „Reformen“ einhandeln. Nur vereinzelte Stimmen linker Persönlichkeiten wie diejenigen von Anita Fetz oder Walter Herzog haben deutlich gemacht, dass es Grund genug gibt, auch von fortschrittlicher Seite her kritisch zu prüfen, was mit diesen Entwicklungen intendiert ist.

Diejenigen, welche für Outputorientierung, Normierung und Standardisierung und entsprechend für die Etablierung einer flächendeckenden ‚Testkultur‘ eintreten, verfolgen leider recht erfolgreich die Strategie, jegliche Kritik am Lehrplan 21 in die konservative Ecke zu stellen. Damit weichen sie den höchst brisanten und unbequemen Fragen aus, welche dieser grossangelegte „Steuerungsver­such“ unserer Volksschule aufwirft.

Die hier schreibenden und zitierten Persönlichkeiten stehen für eine öffentliche Schule ein, die allen Kindern – unabhängig von ihrer Herkunft und den mitgebrachten Voraussetzungen – eine ausgezeichnete Bildung garantieren möchten. Die Autoren dieses Dossiers sind Professoren, Lehrer, Wissenschaftler, Kulturschaffende und Eltern mit links-liberaler Gesinnung. Ihre Einschätzungen decken sich nicht in allen Details. Es verbindet sie aber alle die Überzeugung, dass HarmoS sowie der Lehrplan 21 keineswegs progressiveProjekte sind, sondern eher reaktionäre und technokratische Züge in sich tragen.

Wer will, dass in unseren öffentlichen Schulen alle Kinder, auch diejenigen aus unterprivilegierten Schichten, faire Chancen erhalten, muss ihnen einen Unterricht bieten, in dem der Schüler nicht sich selbst überlassen wird, in dem Lehrer und Schüler Beziehungen aufbauen können. Wie bedeutsam dies ist, formuliert Roland Reichenbach, Professor für Pädagogik an der Universität Zürich, treffend so: „Es gibt keine guten Schulen ohne gute Lehrpersonen. Und diese Lehrpersonen müssen den Schülerinnen und Schülern klar machen: Ers­tens: Was du hier lernst, ist wirklich wichtig. Zweitens: Mir ist es ein Anliegen, dass du das lernst. Drittens: Ich glaube fest daran, dass du das schaffst. Und viertens: Ich werde dir dabei helfen und dich unterstützen.“

Die Schule ist kein Wirtschaftsbetrieb, sondern ein Service public. Sie ist Sachwalterin der Kulturvermittlung – Grundlage für Bestand und Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens. HarmoS und Lehrplan 21 aber führen zu einer reduktionistischen, utilitaristischen Realität von Schule, zu einem Paradigmenwechsel im gesamten Verständnis des Schulwesens, von Unterricht, Fachlichkeit, Lehrerbildung und Schulaufsicht. Sie sollen die öffentlich kaum je diskutierte Reform­agenda der letzten 20 Jahre sicherstellen, deren Charakteristika als „marktförmige Instrumentali­sierung der Schule“ (Reichenbach) bezeichnet werden können. Die Folgen für unser Bildungswesen sind schwerwiegend und erfordern geharnischten „Einspruch“!

Die Broschüre zum Download: Einspruch! Dossier zu Bildung

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