Veröffentlicht am 30.12.19

Ein Blick in die Schweiz

Ergänzender Kommentar zu den Artikeln von Carl Bossard

Von Beat Kissling

Zum besseren Verständnis für ein deutsches und österreichisches Publikum sollen hier die beiden publizierten Artikel von Carl Bossard, dem Gründungsdirektor der Pädagogischen Hochschule Zug und Schweizer Vizepräsident der Gesellschaft für Bildung und Wissen auf dem Hintergrund wesentlicher bildungspolitischen Entwicklungen in der Schweiz kontextualisiert werden.

Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass es in der Schweiz so etwas wie eine echte Debatte über Schul- bzw. Bildungsthemen kaum gibt. Dies war nicht immer so und mag erstaunen, zumal wir in der Schweiz sehr weitreichende politische Rechte als Bürgerinnen und Bürger haben. Noch 1990 attestiert die damals erstmalige Begutachtung des Schweizer Schulsystems durch OECD-Experten eine besondere Verbundenheit der Bevölkerung mit ihrer Volksschule; die Rede war von einem stark verankerten «Ethos der Schule» im Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger. Dies hat sich markant dahingehend verändert, dass Schule und Bildung zunehmend zur ‘professionellen’ Expertensache umdefiniert wurden. Der Wandel geschah langsam, schleichend, sodass ein relevanter Widerstand ausgeblieben ist. Symptomatisch zeigt sich die aktuelle Situation heute an den Pädagogischen Hochschulen: offene fachliche Diskussionen unter Dozenten sind Raritäten. Allan Guggenbühl hat als Hochschuldozent wiederholt öffentlich erklärt, an den Pädagogischen Hochschulen sei der inhaltliche Diskurs zumeist unerwünscht. Er selbst wurde trotz seines Renommees als Jugendpsychologe, Buchautor und international gefragter Interventionsspezialist bei Gewaltvorfällen in Schulen von der Leitung der Hochschule wiederholt zitiert und für fehlende Loyalität gerügt. Man stelle sich vor: Er hatte sich die Unverschämtheit erlaubt, ohne explizite Autorisierung ‘von oben’ kritische Anmerkungen zu verschiedenen reformpädagogischen Experimenten an Schulen zu machen!

Gelegentlich sind trotzdem in den etablierten Printmedien einige kritische Artikel zu finden. Roland Reichenbach, Ordinarius für Allgemeine Erziehungswissenschaften an der Universität Zürich, als eine dieser Stimmen wird sogar häufig zu einem kritischen Vortrag vor Lehrpersonen innerhalb verschiedener Institutionen eingeladen und zumeist enthusiastisch beklatscht. Es bleibt dann aber leider bei der spontanen Begeisterung, ohne dass daraus nennenswerte Aktivitäten folgen oder gar eine kritische Opposition zu den aufoktroyierten Reformen entstehen würden.

Als Alain Pichard, Yasemin Dinekli und ich im Januar 2019 die Broschüre Einspruch II lancierten, worin wir eine beachtliche Anzahl Eltern und Lehrpersonen mit den kruden Erfahrungen ihrer Kinder in der zwischenzeitlich erheblich ‘reformierten’ Schule zu Wort kommen liessen, waren wir recht zuversichtlich, viele Eltern zu erreichen und sie zum Handeln bewegen zu können. Nicht selten handelte sich bei diesen Eltern zugleich um erfahrene Lehrpersonen. Das ausführliche Beispiel eines erfolgreichen Widerstandes von Eltern angesichts einer sich besonders ‘progressiv’ (in digitaler Hinsicht) gebärdenden Schulleitung, das wir in aller Ausführlichkeit publizierten, sollte vielen, in den verschiedenen Gemeinden verzweifelnden Eltern Mut machen, ihre Erfahrungen mit der Öffentlichkeit zu teilen. Wir wussten, dass Jahr für Jahr in verschiedenen Gemeinden manchmal beinahe ganze Lehrkörper gekündigt hatten, weil ihnen Reformkonzepte (zum Beispiel extensive Formen des selbstorganisierten Lernens usw.) im Eiltempo aufoktroyiert werden sollten; sie waren nicht bereit, diese mitzutragen. Ausserdem war auch bekannt, dass immer mehr Eltern, die es sich leisten konnten, ihre entmutigten oder verzweifelnden Kinder privat beschulen liessen – in der Schweiz ein Novum, zumal die öffentlichen Schulen bis dahin einen ausgezeichneten Ruf genossen. 2000 Exemplare Einspruch II konnten wir einigermassen gut absetzen, danach fehlten die Anfragen. Unseren Einspruch I (3 Jahre zuvor) hatten wir hingegen über 12 000 x verbreiten können. Damals profitierten wir bei der Verbreitung von laufenden kantonalen Initiativen gegen den Lehrplan 21, über die abgestimmt wurde, sodass unsere Broschüre sehr gefragt war.

Angesichts von so viel Unzufriedenheit und Unruhe an der Basis stellt sich natürlich die Frage, wieso aktuell so wenig Echo zu vernehmen ist! Dies lässt sich eigentlich nur so erklären, dass die durchschaubare Taktik unserer Bildungsbehörden bisher aufging, nämlich solche kritischen Publikationen und Stellungnahmen möglichst zu ignorieren und ungeniert mit «business as usual» weiterzufahren. Paradoxerweise halfen uns nicht einmal die politischen Instrumente der direkten Demokratie, nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil die Bevölkerung gemeinhin hohes Vertrauen in die selbst gewählten Magistraten (kantonale Bildungsminister) setzt und sich schwer vorstellen kann, dass diese sich in opportunistischer Manier mehr an den Direktiven und Empfehlungen internationaler Organisationen orientieren als an den Bedürfnissen von Kindern, Eltern und Lehrpersonen im eigenen Land. Insofern stellt sich für jedermann, der versuchen möchte, in der Schweiz die Bürgerinnen und Bürger aufzurütteln und aufzuklären, eine besondere Herausforderung: Wie lassen sich die Menschen so ansprechen und stärken, dass sie aus eigenem Antrieb heraus beginnen, Transparenz und eine echte öffentliche Debatte hinsichtlich der forcierten reformpädagogischen Entwicklungen einzufordern. Und damit kommen wir zum ersten Artikel Carl Bossards («Bitte nicht nach Estland pilgern») zu den aktuellen PISA-Ergebnissen.

Dass unsere Schülerinnen und Schüler in ihren sprachlichen Kompetenzen erhebliche Defizite ausweisen, ist für praktisch alle, die schon etwas länger den Lehrberuf ausüben, mehr als offensichtlich. Dafür musste man nicht auf die PISA-Ergebnisse warten. Wenn Carl Bossard also die PISA-Ergebnisse und dabei natürlich insbesondere die Lesedefizite der Schülerinnen und Schüler aufgreift, so handelt es sich um einen willkommenen Anlass, auf die zahlreichen Fehlentwicklungen in den letzten Jahren in der Bildung zu sprechen zu kommen. Der Hype mit ‘innovativen’ Leselernmethoden wie das «Lesen durch Schreiben» (Jürgen Reichen) ist ja kein isoliertes Phänomen, sondern lediglich ein besonders eklatantes Beispiel, wie beim Erwerb einer besonders bedeutsamen Kompetenz verantwortungslos – z.T. über Jahrzehnte – herumexperimentiert wurde. Was PISA offenbart (egal, ob man nun PISA wissenschaftlich ernst nehmen kann oder nicht), darauf hatte die ETH-Professorin für empirische Lehr- und Lernforschung Elsbeth Stern mit ihrer Forschung längstens hingewiesen, wie Bossard aufzeigt. Die eigentlich relevante Frage ist also, wieso bildungspolitisch bisher keine nachhaltigen Konsequenzen gezogen wurden («Systemversagen stört nicht»). Darauf legt Bossard den Finger und rückt damit die Verantwortungslosigkeit der Bildungsverantwortlichen in den Fokus, die sozusagen mit der Biografie junger Menschen herumexperimentieren. Zu Recht erwähnt er die Tatsache, dass es massgeblich die schwächeren Kinder sind, die den Schaden davontragen. Die von der Politik umgehend präsentierten Massnahmen lassen erahnen, dass keine wirkliche Analyse erfolgt, sondern lediglich schnelle Patentrezepte präsentiert werden.

Summa summarum: Carl Bossard bringt die Lese- und Schreibprobleme Schweizer Schüler, die bis in die Hochschule hinein sehr beunruhigend sind, in Verbindung mit einem «falschen Reformeifer». Dazu zitiert er den Tages-Anzeiger, der als «Pudels Kern» der Reformen folgende Elemente nennt: Integration von Schülern mit besonderem Schulungsbedarf, zwei frühe Fremdsprachen (in einem Land, in dem Hochdeutsch für die Normalbevölkerung fast schon eine Fremdsprache ist und mit bald 30% Menschen ohne deutsche Muttersprache), schrittweiser Abbau an Deutschlektionen in den letzten Jahren, Überfrachtung der Schule durch sozialpädagogische Zusatzaufgaben.

Carl Bossard ergänzt diese Darstellung mit dem Hinweis auf fatale Trends an den Pädagogischen Hochschulen, z.B. auf die aktuelle Modeströmung, die Ausbildung der Lehrpersonen schwerpunktmässig auf das Coachen der «selbstgesteuert» bzw. «selbstorganisiert» Lernenden zu konzentrieren. Promotoren dieser OECD-inspirierten Reform sind dabei nicht selten Dozenten, die auf der Stufe, für die sie ausbilden, keinerlei Praxiserfahrung aufweisen. Didaktik und Pädagogik weichen an den Pädagogischen Hochschulen den Konzepten und Aktivitäten von Classroom-Management, Diagnostizieren, Testen, Evaluieren, Coachen usw. Vermittlung bzw. die «Direkte Instruktion» ist natürlich ‘out’, dies trotz zahlloser wissenschaftlicher Studien, die nicht von der notorisch bemühten Karikatur des «Frontalunterrichts» ausgehen und den besonderen Erfolg der «Lehre» erwiesen haben.

Mit seinem Gedankengang hat es Carl Bossard meines Erachtens ausgezeichnet geschafft, wesentliche Elemente der Reform-Entwicklungen und deren hohle Begründbarkeit anschaulich zu machen – dies nicht primär für Fachleute, sondern für die normale Bürgerin und den normalen Bürger bzw. für eine interessierte Elternschaft. Er erreicht mit dieser äusserst konkreten, realistischen Darstellung der wirklichen Verhältnisse auf der Ebene des Unterrichts sowie der bildungspolitischen Verantwortlichen, dass man ihn versteht und ihm für seine klärende Darstellung sehr dankbar ist.

Je früher je besser? Nicht bei Fremdsprachen

Zum zweiten Artikel von Carl Bossard («Fehlende pädagogische Verantwortung») gibt es einen bedeutsamen aktuellen bildungspolitischen Hintergrund. Wie der Titel verrät, geht es dem Autor auch hier in erster Linie darum, das bildungspolitisch höchst bedenkliche Gebahren der Bildungsverantwortlichen zu thematisieren, das darauf hinausläuft, mit den Entwicklungschancen junger Menschen zu experimentieren. In der Schweiz, wo die föderale Verbundenheit in der Kulturvielfalt ein besonderes politisches und kulturelles Bildungsziel ist, hat das Erlernen von Fremdsprachen eine grosse Bedeutung. Seit mittlerweile zwei Fremdsprachen – nach dem Motto ‘je früher je besser’ – in das Curriculum der ersten sechs Schuljahre Volksschule eingebaut wurden, etablierte die Bildungsverwaltung daraus eine nicht hinterfragbare Ideologie. Die Linguistikdozentin (für Englisch) Simone E. Pfenninger – heute Professorin in Salzburg – , die mit ihrer prämierten, international viel beachteten Studie nachwies, dass die Theorie «je früher, je besser» schlicht nicht haltbar ist, musste erleben, dass ihre Forschungsarbeit vom Vorsitzenden der Vereinigung der kantonalen Bildungsminister (EDK) öffentlich und mit medialer Unterstützung als unwissenschaftlich disqualifiziert wurde.

Sie brauchte die nachdrückliche Unterstützung der Universität Zürich (diese hatte ihr den Preis verliehen) sowie von international bekannten Experten, um sich zu rehabilitieren. Umso beachtlicher ist die Tatsache, dass es unlängst einigen engagierten und couragierten Lehrerpersonen – ein besonderer Verdienst gilt dem Vorstand des baselländischen Lehrerverbands – die Untauglichkeit des Französischlehrmittels, das vor einigen Jahre in sechs Kantonen für obligatorisch erklärt worden war und dessen Anschaffung und Einführung mehrere Millionen Franken Steuergelder verschlungen hatte, so sehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen, dass die Kantonsparlamente nach längerem Widerstand einen Rückzieher machen mussten. Sie mussten zwischenzeitlich kleinlaut sogar die Lehrmittelfreiheit wieder gewähren. Dies ist seit Jahren der grösste (fast einzige wirkliche) Erfolg im Widerstand von Lehrpersonen gegen ihre Gängelung ‘von oben’, der deutlich gemacht hat, dass alle, die versuchen wollen, die kritische Debatte und den Widerstand gegen unsinnige Topdown-Reformen zu ermöglichen, bei den Themen/Problemen ansetzen müssen, die leichter überblick- und durchschaubarer sind und die mittels Beharrlichkeit im Dialog und bei der Aufklärung ermöglichen, dass die Menschen aufzubegehren wagen.
Die Spatzen pfeiffen es längstens von den Dächern, dass die Theorie vom «Eintauchen» ins «Sprachbad» als Kern der Fremdsprachendidaktik bei 2-3 Wochenstunden niemals funktionieren kann. Einer der Verantwortlichen für den erfolgreichen Widerstand – ein Mitglied aus dem Vorstand des baselländischen Lehrerverbands – meinte im Gespräch, die Unsinnigkeit des didaktischen Konzepts sei bei diesem Lehrmittel von Anfang an evident gewesen. Alle Beteiligten hätten sich dann halt so verhalten wie in der Geschichte von des «Kaisers neue Kleider», also gute Miene zum bösen Spiel gemacht, was erst durchbrochen werden konnte, als eine Handvoll von «Sieben Aufrechten» (Gottfried Keller) gestützt durch den einzigen wirklich bildungspolitisch gepflegten Lehrerverband sich durch nichts erschüttern liessen und erreichten, dass der «Wind drehte». Es war klar, dass Carl Bossard sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollte, dieses erfolgreiche Beispiel zu nutzen, um das eklatante Versagen der bildungspolitischen Verantwortlichen, unter dem er selbst sogar noch als Gründungsdirektor der PH Zug später zu leiden hatte, ungeschminkt bloss zu legen.

Beat Kissling

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