Veröffentlicht am 10.12.16 |

Die schiefe Norm von Pisa

Die OECD-Schulvergleichsstudie lockt niemanden mehr hinter dem Ofen hervor und schon gar nicht die von 2015. Selbst die Journalisten geben sich keine Mühe damit, wenn sie sich von Seite 1 zur Seite 2 gleich mehrfach widersprechen: „Deutsche Schüler im Pisa-Vergleich weiter Mittelmaß“ (StN 7.12.2016 S.1) und „Die Schüler Deutschlands behaupten sich im vorderen Drittel der OECD-Staaten“ (S.2). Von den 35 verglichenen Ländern belegen die Schüler der BRD Platz 9 im Lesen, Platz 10 in Mathematik und Platz 11 in Naturwissenschaften. Den Ranking versessenen Kommentatoren fällt dabei eines überhaupt nicht auf, was aber selbst ihre mitgelieferten Grafiken verdeutlichen: Seit Beginn der Pisa-Tests im Jahr 2000 bis zur letzten Untersuchung 2015 ist der Durchschnitt der beteiligten OECD-Länder in den Testergebnissen kontinuierlich gesunken und liegt deutlich unter dem 500er-Index des Jahres 2000. Deutschland konnte zwar in den ersten zehn Jahren aufholen und seine Testergebnisse verbessern – es hat sich eben auf den von der OECD vorgegebenen Kompetenz-Bildungsbegriff und die damit verbundene Test-Unkultur eingelassen -, aber seit fünf Jahren werden die gemessenen Ergebnisse in den Naturwissenschaften und in Mathematik auch deutlich schlechter und sie stagnieren bei der Lese-Kompetenz, d.h. man hält sich nur relativ gut, weil alle anderen auch schlechter werden. Pisa widerlegt sich selbst, indem es sogar in den für wichtig gehaltenen Bereichen bildungspolitische „Reformen“ angestoßen hat, die im Ganzen wie im Einzelnen zum Absinken der Leistungen führten.

Offensichtlich kommt es den OECD-Leuten gar nicht darauf an, das Bildungswesen zu verbessern, sondern vielmehr darauf, durch die Ranking-Konkurrenz und die damit verbundene politisch-publizistische Hysterisierung dafür zu sorgen, dass sich das Bildungswesen den Wünschen und Interessen der Wirtschaft anpasst. Daher wurden die Tests 2015 erstmals am Computer durchgeführt, was vor allem den Ländern zugute kam, welche die Handschrift Schritt um Schritt durch Zwei-Finger-Tipperei und das Denken durch Smartphones zu ersetzen suchen – allen voran die Süd-und Ostasiaten, gefolgt von Balten und Skandinaviern. Natürlich gibt das auch bei uns jenen käuflichen Kräften Auftrieb, die Digitalisierung mit Bildung verwechseln. In der Primar- und Sekundarstufe 1, also dem Bereich, dessen Ergebnisse Pisa zu messen versucht, korreliert die zunehmende Digitalisierung direkt mit nachlassender Lesekompetenz, welche wiederum von fundamentaler Bedeutung für fast alle anderen Lern- und Bildungsprozesse ist.

Umsteuern

Wenn die Anpassung des Bildungswesens an die Wünsche der Wirtschaftsverbände dieses immer mehr auf den Hund gebracht hat, dann muss man  die Ziele, Inhalte und Mess-Verfahren der Vergleichsstudien auf die Bedürfnisse einer demokratischen, den Menschenrechten verpflichteten Gesellschaft und dem Anspruch ihrer Jugend auf Bildung und Selbstbestimmung ausrichten. Deshalb schlage ich vor, die nächsten 15 Jahre anstelle der Pisa-Studien folgende Vergleiche zwischen den 35 Ländern durchzuführen:

Die 15-Jährigen:

  1. schreiben einen kleinen Aufsatz über den Unterschied von Demokratie und Diktatur sowie über die Bedeutung von Menschenrechten (politische Bildung);
  2. schreiben einen kleinen Aufsatz über die Entstehung von Kriegen, Revolutionen und Diktaturen (historische Bildung);
  3. beschreiben die Grundzüge von drei Weltreligionen und setzten sich mit einer der Grundfragen der Philosophie auseinander, 15 Minuten Tonaufnahme (religiös-philosophische Bildung);
  4. benennen die Thematik von drei Klassikern der Welt- bzw. nationalen Literatur und äußern sich dazu wertend, 15 Minuten Tonaufnahme (literarische Bildung);
  5. schreiben in der ersten, zweiten und dritten Fremdsprache einen fiktiven Brief darüber, was ihnen an ihrer Schule gefällt, und fragen, wie es an der Schule des ausländischen Briefpartners ist (Fremdsprachen-Beherrschung);
  6. zeichnen eine Umrisskarte mit den 6 Kontinenten der Erde und beschriften sie so genau wie möglich (geografische Orientierung);
  7. lösen zwei Dreisatz-Aufgaben im Kopf und zwei mit Papier und Bleistift (mathematische Bildung);
  8. erklären je einen von drei zur Auswahl stehenden physikalischen und chemischen Versuch, 15 Minuten Tonaufnahme (naturwissenschaftliche Bildung).

Mich würde interessieren, wie Asiaten und Osteuropäer bei 1.-4. Abschneiden, die Westeuropäer und Amerikaner bei 5., was die Skandinavier noch handschriftlich zu Papier bringen, wie viele Kontinente noch bekannt sind – und vor allem: Wo stehen wir heute nach 15 Jahren Pisa-Tests?

Zu den Autoren:

Keil, Eberhard