Veröffentlicht am 15.02.16

Der Iconic Turn in der Schule

Gastbeitrag von Heike Bottler

Das hessische Kerncurriculum der Sekundarstufe I für das Fach Latein (KC I) greift, wie es darin heißt (KC I, 5.), die pädagogisch begründeten Bildungs- und Erziehungsziele des bisherigen Lehrplans auf. In dem Oktober 2014 erschienenen Entwurf des Kerncurriculums für die Sekundarstufe II (KC II) bildet die Pädagogik die Legitimationsgrundlage für die darin vorgestellte Kompetenzausrichtung. Das Ersetzen des bisherigen Lehrplans durch das neue Kerncurriculum (mit seinen Inhaltsfeldern, Bildungsstandards und Kompetenzbereichen) basiert also auf einem pädagogischen Fundament. Die wissenschaftliche Ausrichtung des Kompetenzgedankens wird durch einen Leitfaden deutlich, der sich in der Funktion eines Kommentars auf die Thesen der Bildungsforscher Lersch, Klieme, Weinert und Ziener bezieht. Gleichzeitig betonen die Kerncurricula ihren Verbindlichkeitscharakter für das Land Hessen (KC II, 6.). Zugespitzt formuliert es Ziener: „Mit den Bildungsstandards sollen Lehrer aber geradezu dazu erzogen werden, den Unterricht vom Ende her zu denken, vom Ertrag her.“ Diese Aussage eines Bildungsforschers, dessen Forschungsergebnisse in die KC eingeflossen sind, bedarf einer genaueren Betrachtung: 1. Von wem soll der Lehrer erzogen werden? Von der Wissenschaft? Dann muss die Pädagogik das Wissenschaftsprinzip der Dialektik befolgen, nämlich die Kenntnis der wahren Verhältnisse unter den Bergriffen auf dem Wege der Diairese (διαίρεσις) und der Zusammenführung (συναγωγή). In diesem Milieu darf die dogmatische Forderung nach einer gleichen gedanklichen Ausrichtung keinen Platz haben. Von der Politik? Dann muss der wissenschaftliche Rahmen weichen. 2. In welchem Sinn ist das Modalverb „soll“ zu verstehen? Die Erziehung des Lehrers müsste nach der Logik der Bildungsstandards ebenfalls in Könnensstandsbeschreibungen formuliert werden. Ist es begriffliche Unschärfe oder mangelndes Vertrauen in die eigenen Ziele?

Der Zweifel an der Wissenschaftlichkeit der Pädagogik ist, wie Kümmel und Tenorth es anmerken, auch heute noch nicht ausgeräumt. Der Frage, ob die Pädagogik eine Wissenschaft ist, kann man sich auf einem Umweg nähern, unter Zuhilfenahme des platonischen Dialogs Gorgias, in dem sich Sokrates und Gorgias über die Rhetorik unterhalten. Dort scheitert die Rhetorik in ihrem Selbstverständnis als Wissenschaft (τέχνη) aufgrund ihres Universalitätsanspruches. Sie scheitert, wie Niehues-Pröbsting es formuliert, an der Bestimmung des Begriffs ihrer eigenen Kunst. Entweder ist nämlich die Rhetorik eine Wissenschaft, wie Gorgias es fordert, dann hat sie das Wissen von etwas und vermag nicht alles. Oder aber sie vermag alles, wie Gorgias es ebenfalls fordert, dann ist sie keine Wissenschaft. Im Verlauf des Gespräches kann Gorgias das Dilemma nicht auflösen. Auch die Pädagogik, deren Kerngeschäft die Didaktik ist, aktuell die Didaktik des kompetenzorientierten Unterrichtens, besitzt den Universalitätsanspruch, da kompetenzorientiertes Unterrichten in allen schulischen Unterrichtsfächern präsent ist und Pädagogik in dieser Ausprägung darin prinzipiell alles zu ihrem Gegenstand macht. Was ist dann aber das Wesen der Pädagogik, worin liegt ihre Kenntnis von etwas, wodurch grenzt sie sich von den Unterrichtsfächern ab? Aus Lersch geht hervor, dass Bildungsstandards der Kerncurricula nicht an Inhalte gebunden sind. Für Sokrates bedeutet der Verzicht auf den Inhalt, also auf das Wissen, dass die Rhetorik in die Nähe der Routine oder des Talents rückt.

(…)

Der so genannte iconic turn, so heißt es bei Burda, beschreibt die Allgegenwart und die wachsende Macht des Visuellen als Anzeichen für einen grundsätzlichen kulturellen Wandel. Die Pädagogik, die sich oftmals von tagesaktuellen Forderungen einspannen lässt und aus den Schulleistungsvergleichsstudien ihren impetus für die strukturelle Umformung der Schule nimmt, reagiert auf die „Konjunktur des Bildes“ unter der Ägide der Computer-Industrie. Die in dieser Hinsicht mehr oder weniger nachdrücklichen Empfehlungen des HKM sind zahlreich:

▪ Das HKM stellt das Projekt „Schule interaktiv“ vor.

▪ Verbindlich für das Fach Latein wird auf dem Bildungsserver des Landes Hessen gefordert: „Die modernen Medien sind in den Lateinunterricht mit einzubeziehen.“

▪ In dem KC I findet sich der Satz: „Medienkompetenz ist für die Erschließung von Informationen sowie zur Dokumentation von Ergebnissen notwendig.“(KC I, 8.).

▪ Die Lernenden, so das KC I, 10, präsentieren Lern- und Arbeitsergebnisse mediengestützt.

Welche enge Verbindung die Schule mit dem iconic turn eingeht, wird erkennbar, wenn man den Kerngedanken des kompetenzorientierten Unterrichtens betrachtet: Er besteht in der Performanz. Lersch, der auf das englische Wort „performance“ verweist und abgesehen von „Leistung“ nachdrücklich die Bedeutung „Darbietung“ hervorhebt, erklärt den Begriff im schulischen Kontext: „Ob und in welchem Ausmaß jemand kompetent ist, zeigt sich ausschließlich in der erbrachten Leistung (= Performanz), wie er mit den in der aktuellen Situation beinhalteten Anforderungen fertig wird.“ Wie Handlungen durch Performanz dargeboten werden können, veranschaulicht Ziener, der wie Lersch seine Thesen zahlreich in Bilder und Graphiken überträgt: „Performanz: Präsentation“. Zusammengefasst bedeutet dies: Der iconic turn in der Schule offenbart sich durch die Darbietung visualisierfähigen Wissens mit Hilfe digitaler Medien.

Die neue Schwerpunktsetzung greift tief in die Struktur des Lateinunterrichts ein. Das sogenannte ‚Rauf- und Runterdeklinieren‘ eines Nomens oder das bloße Auswendiglernen von Vokabellisten gelte, so Kuhlmann, nicht als Kompetenz, vielmehr die adäquate Übertragung in die Zielsprache. Kuhlmann spricht von anwendungsbezogener Kompetenz. Die Fähigkeit, sich souverän in den Deklinations- und Konjugationstabellen sowie im Wortschatz und den Stammformen zu bewegen, stellt also keinen Kompetenzerwerb dar. Die Erklärung dafür liegt in der Medienlogik begründet: Ein solches nicht anwendungsbezogenes, theoretisches Wissen benötigt keine Präsentation durch digitale Medien. Es lässt sich nicht visuell darstellen oder medial ausschöpfen, da es ein Wissen ist, das nicht auf ein Sichtbarmachen angewiesen ist.

 

Erschienen in: Forum Classicum 4/2015 (S. 216-230)

Der ganze Beitrag als PDF: Bottler_iconic turn

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