Veröffentlicht am 30.10.14 |

Wie die ‚OECD-Steuerung’ weltweit historisch gewachsene Bildungssysteme uniformiert und banalisiert

Mit Pisa und anderen sogenannten Qualitätsstudien ruiniert die OECD weltweit historisch gewachsene Bildungssysteme. Dahinter steht ein höchst fragwürdiges Menschenbild, schreibt der Erziehungswissenschaftler Beat Kissling in einem Gastbeitrag der WiWo.

Seit 14 Jahren haben sich viele europäische Staaten von der OECD in die sogenannten Pisa-Studien einbinden lassen, die alle drei Jahre zu Ranglisten der getesteten Schüler bzw. Länder führen. Weltweit hat sich die Zahl der involvierten Staaten innerhalb weniger Jahre verdoppelt, Tendenz rasch steigend. Die Wirtschaftsorganisation ist längst dabei, sich somit als alleiniger Schiedsrichter für die Beurteilung nationaler Bildungssysteme global zu etablieren – mit welcher Legitimation? Es ist schwer nachzuvollziehen, wieso Länder mit teils gänzlich unterschiedlichen Bildungstraditionen und Bildungssystemen sich auf diesen uniformierenden, angelsächsisch orientierten Test- und Rankingfetischismus, der dem europäischen Bildungsverständnis bis 2000 gänzlich fremd war, haben ‚einspuren’ lassen. Viele Länder mit ausgezeichnet funktionierenden Bildungssystemen wie beispielsweise die Schweiz taten dies ohne jegliche Notwendigkeit.

Am 5. September lieferte die GEMS Education im Auftrag der OECD ein „Education efficiency ranking“ aus 30 beteiligten Staaten. GEMS Education ist nach eigenen Angaben der weltweit führende private Bildungskonzern und Spitzenreiter bei der internationalen Bildungsentwicklung sowie Bildungsreform. Das Unternehmen steht in enger Verbindung mit dem World Economic Forum, mit Microsoft, Stiftungen wie die Clinton Global Initiative oder die Tony Blair Faith Foundation und nun auch mit der UNESCO. Die aktuell erstellte Effizienz-Rangliste gründet auf der berechneten Relation zwischen finanziellen Ausgaben der verschiedenen nationalen Bildungssysteme (konkret der durchschnittlichen Lehrerlöhne sowie Klassengrößen) und ihren letzten PISA-Testresultaten.

Vier Tage später, also am 9. September, schob die OECD ihren jährlichen Bericht „Education at a Glance“ nach, der wiederum sämtliche beteiligten Staaten mit zahllosen Tabellen und Zahlen zueinander in Konkurrenz setzte. Es geht da um Abschlussquoten auf den verschiedenen Schulstufen, Entwicklungen der Erwerbslosenzahlen, Verhältnis von Berufsbildungsabsolventen zu erfolgreichen Studienabgängern, öffentliche Vorschul-Bildungseinrichtungen und so weiter. Wie immer wurden diese Offenbarungen der OECD von der Politik der beteiligten Länder nervös erwartet und je nach dem Abschneiden des eigenen Landes erleichtert oder schamvoll entgegengenommen. Parteiprogramme werden daraufhin modifiziert oder akzentuiert, alles je nach Opportunität.

 

Der Beitrag in der WiWo

Der ganze Beitrag als PDF: Beat Kissling – OECD-Steuerung der Bildung

Zu den Autoren:

Kissling, Beat

Dr. - Psychologe und Erziehungswissenschaftler/Gymnasiallehrer