Veröffentlicht am 22.11.19

Böse Falle: Der Fehler!

Irren ist menschlich! Was eine erratische Fähigkeit sein könnte …

Kommentar von Norbert R. Vetter

Radikaler als der von Matthias Holland-Letz zitierte Ansgar Klinger, GEW-Vorstandsmitglied Berufliche Bildung und Weiterbildung, fordert Norbert R. Vetter nicht pädagogische Konzepte „vor der Einführung digitaler Technik“, sondern eine digitale Technik, die sich den bestehenden pädagogischen Konzepten anpasst. Wir haben einen reichen Schatz an Erfahrungen. Dieser begründet unsere Fähigkeit und Befugnis als Lehrperson. Schauen wir, wie sich das digitale Medium für die Lehre nutzen lässt. Alles andere ist der Vernunft widerstehende, totalitäre Verordnung. Und die Vernunft weiß sehr wohl, was sich unter falschen Definitionen in den Diskurs einschleicht.


Bevor wir unsere Kinder den Algorithmen überlassen, sollten wir u. a. darüber nachdenken, was ein Fehler ist. Bei Wikipedia finden wir hierzu: Ein Fehler sei die Abweichung eines Zustands, Vorgangs oder Ergebnisses von einem Standard, den Regeln oder einem Ziel. Die Worte „Fehler“, „fehl“, „fehlen“ oder „falsch“ wurzelten auf Betrug/Täuschung (lat.: falla -Substantiv -oder lat.: fallere -Verb). Der Pädagoge Hermann Weimer habe bereits 1925 darauf hingewiesen, dass bei weitem nicht alles, was falsch ist, ein Fehler sein müsse.

Aus pädagogischer Perspektive erscheint es sogar denkbar, dass nicht jeder Fehler falsch ist, es also richtig sein kann, Fehler zu machen. Wenn ein Kind sich in den Sprachraum experimentierend hineinlernt, arbeitet es mit Formulierungen, die sich falsch anhören, jedoch lerntheoretisch notwendige Hypothesen darstellen. Wenn es sagt: „Pia gingte mit dem Hund raus“, doppelt es sicherheitshalber das Präteritum. An der korrigierenden Antwort lernt es dann intuitiv die Differenzierung der Vergangenheitsbildung durch Vokaländerung im Stamm oder der angehängten Endung „te“. So wendet der Fehler die Not des unzulänglichen Sprechens. Und nur durch den ausgesprochenen „Fehler“ ist eine Nachbesserung für den nächsten Sprechakt möglich. Sich auf einem von Irrtümern begleiteten Weg zu wissen, diese zuzulassen und ohne Druck und Beschämung aus ihnen zu lernen, das wäre der Anfang einer Fehlerkompetenz, einer erratischen Fähigkeit. Der Spruch: „Irren ist menschlich“, muss dann nicht ein Synonym menschlicher Fehlbarkeit bleiben. Aus dem Irrtum könnte man das Bessere lernen.

Der antike Prototyp für den Erratiker wäre Odysseus, denn die Odyssee kann als eine Reihe erratischer Momente des Lernens gelesen werden. In der Odyssee, einem der großen mythologischen Epen Homers, beschreibt der Dichter die zehn Jahre andauernde Irrfahrt des Odysseus, des Königs von Ithaka. Odysseus macht Fehler. Er verärgert Apollon durch die Ermordung Laokoons und er legt sich mit Poseidon an, indem er den Zyclopen Polyphem blendet. Hierdurch zieht er sich den göttlichen Zorn zu. In langwierigen Verwicklungen überwindet er die Sirenen, stellt er sich Skylla und Charybdis, rettet die Gefährten aus Circes Verzauberung, entkommt dem umnebelnden Rausch bei den Lotophagen, weist die Werbung der schönen Calypsos zurück und besteht am Ende im Kampf gegen Penelopes Freier. Zwischen den Polen Liebe und Ruhm, Pflicht und Hedonismus, Verantwortung und Wagnis, Loyalität und Souveränität irrt das Leben des Odysseus als ein Kontinuum von Entscheidungen. Aber: Trotz seiner Schiffbrüche ist er kein Versager! Im Gegenteil sind seine Klugheit und seine „Listen“ sprichwörtlich und für alle Zeiten legendär geworden.

Prolegomena: Der Fehler als Folge der Setzung

Diese Betrachtungen weisen auf eine notwendige Differenzierung von Fehlern und deren normativer Bezugssysteme hin. Der Fehler ist ein Urteil, gemessen an einer Norm, einer Setzung. Wird der Setzung Fehlerhaftigkeit nachgewiesen, so hebt sich der von ihr abgeleitete Fehler auf. Da es keine absolute Norm gibt und keine wahren Setzungen, stellen Grammatik und Rechtschreibung oder mathematische Regeln Vereinbarungen dar und definieren dadurch gleichzeitig den Fehler als das, was der Regel und dem Axiom widerspricht. Solche überschaubaren Systeme ermöglichen eine Unterscheidung von richtig und falsch. Das Leben, das Verhalten von Menschen, ist ungleich komplexer und erlaubt diese Kategorien nur unter der Bedingung eines erhöhten Aufwandes, den man im Ernstfall in die Hände der Richter und Richterinnen delegiert. Ist es dort die Grammatik, die Spielregel oder die mathematische Regel, die den Fehler bestimmt, so ist es hier das Recht, das Leben, oder gar die Biografie, die zur Plausibilisierung von Richtig und Falsch herangezogen wird. Ein Fehler im biographischen Kontext kann nur durch die Abwägung subjektiver Faktoren in einem Bezugssystem der Erfahrung deutlich werden. Auch hier gibt es eine Relativität, da es nicht möglich ist, alternierende Szenarien zur Verifikation durchzuspielen. Mit einem normativen System die subjektiven Faktoren zu ordnen, käme einer Überwältigung gleich.

Würde man die Leistungen des Odysseus an den Regeln für Segelwettbewerbe messen, hätte er die Strecke Troia-Ithaka nicht bewältigt. Segelfehler, falsch Navigation und die Folgen meteorologischer Fehleinschätzungen hätten ihn bald disqualifiziert. Durch sein Leben als nicht normatives Bezugssystem hindurch betrachtet, mit dem Wissen über Odysseus, das Homer dem Epos mitgibt, und in Anbetracht seiner Rolle als Spielball der Götter, bewährt er sich doch fast übermenschlich.

In einem nicht normativen und sehr komplexen Bezugssystem relativiert sich der Fehler und muss allein subjektbezogen reflektiert werden. Fragen wir uns an dieser Stelle erneut, was ein Fehler ist, wird klar, dass die Norm als Bezugssystem den Fehler als Abweichung von diesem definiert. Je normativer das Bezugssystem ist, desto deutlicher wird der Fehler als solcher identifizierbar. Norm generiert die Abweichung von der Norm. Alles, was nicht der Norm entspricht aber zu deren Spielfeld gehört, ist falsch – also ein Fehler. Dass ein Fehler auch in einem solchen, normativen Bezugssystem lerntheoretisch nicht unnütz sein muss, sollte durch unsere Überlegungen evident geworden sein. Ein glückliches Beispiel für das bessere Vorankommen durch größtmögliche Abweichung vom Kurs ist ein Sonderfall des Spieles Superhirn. Bekommt man beim ersten Versuch keinen einzigen Stecker, hat man also alles falsch gemacht, erhöht sich die Chance, schon nach wenigen Zügen die Lösung zu finden, weil man nun genau weiß, was falsch ist.

Perturbation und das Selbstandere

Der Fehler ist als progressive Störung nutzbar, wenn seine Irritation eine ausgleichende Handlung verursacht. In der Psychologie wird das als coping bezeichnet. So kann das Andere des Selbst dem Selbst zum Anderen verhelfen. Lernen wäre auch hierfür ein Wort. Wenn Selbsterfahrung, Selbstverwirklichung und Selbstwirksamkeit unzureichende Konzepte sind, bieten die selbstfremden, irritierenden, verstörenden Zustände eine Möglichkeit, der Selbstbeschränktheit zu entkommen. Das Selbst ist eine raffinierte Finte der Evolution – und doch ist klar, es schafft sich einen wesenhaft regionalen Raum, der in seinem Selbstbezug auch Beschränktheit kultiviert. Gehen wir davon aus, dass Algorithmen genau diesen Aspekt potenzieren, wohin werden dann unsere Kinder erzogen, wenn wir sie in der Schule den beziehungslosen, sich selbst optimierenden Maschinen überlassen? Sie werden auf der bloßen Basis von Ja und Nein psychometrisch vermessen und nach einer Leistung und einem Nutzen sortiert!

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