Digitalpakt mit Schattenseiten
Dr. Matthias Burchardt, Akademischer Rat an der Universität zu Köln, im Interview mit Anke Seidel von der Kreiszeitung
Dr. Matthias Burchardt, Akademischer Rat an der Universität zu Köln, im Interview mit Anke Seidel von der Kreiszeitung
Die Gesellschaft für die Didaktik der Biowissenschaften, die Fachsektion Didaktik im VBIO sowie der AK Schulbiologie des VBIO haben eine gemeinsame Stellungnahme zum Fächerverbund „Naturphänomene und Technik“ in den Klassen 5/6 des Gymnasiums in Baden-Württemberg vorgelegt. Darin begründen sie ihre ablehnende Haltung und weisen auf zu erwartende negative Konsequenzen hin.
Wenngleich ‚Individualisierung des Unterrichts‘ – und dies schließt bekanntlich den Wegfall vergleichbarer Leistungsbewertung mit ein – im Begriff steht, sich zu einer alles beherrschenden Losung bildungspolitischer Reformbestrebungen zu entwickeln, so ist keinesfalls ausgemacht, dass sich Transformationen des Schulalltags, die in dieser Richtung vonstattengehen, längerfristig einschränkungslos zum Wohl des Einzelnen auswirken.
Wer sich noch an die Bildungsreform der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts erinnert, wird vielleicht aufgemerkt haben, als Anfang September Julian Nida Rümelin als intellektueller Exponent der SPD in einem Interview der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ den „Akademisierungswahn“ im deutschen Bildungswesen geißelte und eine Lanze für die Berufsausbildung im Dualen System brach. Er machte damit eine ihm offenbar pathologisch erscheinende Tendenz des Bildungssystems aus, die seine Partei einst massiv unterstützt und auch maßgeblich in die Praxis umgesetzt hatte. Die politisch gewollte Bildungsexpansion als „Wahn“ zu bezeichnen, hätte Nida-Rümelin also möglicherweise an den Rand des Parteiausschlusses gebracht.
Der Weg zu mehr Chancengerechtigkeit führt nur über eine gute frühkindliche Bildung. „Kein Kind zurücklassen!“ lautet die Formel der bildungspolitischen Kehrtwende, die mit großen Erwartungen an die Frühpädagogik verknüpft ist: U3-Betreuung, Bildungsdokumentationen, Sprachdiagnostik und nicht zuletzt die Inklusionsvereinbarung stellen das pädagogische Personal in Tageseinrichtungen vor große Herausforderungen, jedoch stehen Personalmangel und chronische Unterfinanzierung hierzu in deutlichem Widerspruch. Zur Behebung der Notlage bieten zunehmend Personalservice-Agenturen ihre Dienste im pädagogischen Bereich an und stellen Zeitarbeiter zur Verfügung, die kurzfristig und „bedarfsgerecht“ eingesetzt werden können. Was angesichts knapper Finanzen und personeller Engpässe als sinnvolles Instrument erscheint, könnte sich jedoch pädagogisch – und auf lange Sicht auch ökonomisch – als schädlich erweisen.
Am 17.09.2013, ab 17.00 Uhr in der Aula des Uhland-Gymnasium, Uhlandstr. 24, Tübingen
Die „Furcht vor der Freiheit“, in der Erich Fromm den psychologischen Ursprung der Bereitschaft sah, sich gesellschaftlichem Druck zu unterwerfen, ist, so scheint es, in dem Bertelsmann-Mobilisierungsprogramm, auf das System übergegangen, da es mit enormem propagandistischem und ökonomischem Aufwand die Individuen daran zu hindern versucht, einen anderen Gebrauch von ihrer Freiheit zu machen, als den, den die flexible Selbstverwertung von ihm verlangt.
In der „Expertise Gemeinschaftsschule“ wird das Kapitel 16 „Individualisierung am Beispiel Kompetenzraster“ von den Herausgebern Thorsten Bohl/Sibylle Meissner als „sehr praxisnah“ angekündigt (S.11). Es nimmt insofern eine Schlüsselrolle ein, als es sich nicht mit bildungspolitischen Postulaten und Strategien, mit System- oder Organisationsfragen, mit Rahmenbedingungen und Zielen befasst, sondern mit dem Unterricht selbst und seiner praktischen Realisierung. Peter Fratton geht es dem eigenen Bekunden nach nicht um Unterrichts-Theorie, sondern „allein um Praxis“, weshalb er seine Energie auf die Schaffung einer optimalen „Lernumgebung“ konzentriert, in welcher die „Lernpartner“ selbstständig, aber „begleitet“ ihren eigenen Weg zum Ziel suchen („autonomes Lernen“), nachdem sie vom „Lernbegleiter“ einen „input“ (und ein Ziel?) erhalten haben.
Die Lehrer sollen in Baden-Württemberg nicht mehr lehren, sondern als Lernbegleiter wirken.
In der Online-Ausgabe der WASHINGTON POST ist ein Artikel erschienen, der ein Handyvideo kommentiert, das den High School Schüler Jeff Bliss zeigt. Der 18-Jährige macht seiner Lehrerin klar, was er von ihren Unterrichtsmethoden hält.