Kontrollwahn im Kindergarten
Mein Fünfjähriger erledigt Aufträge termingerecht, Barbara Achermann in annabelle (CH)
Mein Fünfjähriger erledigt Aufträge termingerecht, Barbara Achermann in annabelle (CH)
Rund 800’000 Menschen in der Schweiz können – aus verschiedenen Gründen – nicht richtig lesen und schreiben. Für sie ist die «Leichte Sprache» entwickelt worden. Tobias Ochsenbein in der NZZ vom 08.09.2014
Es ist gespenstisch: Wie von Geisterhand geführt, hat sich in den letzten Jahren, von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt, eine der radikalsten Veränderungen an Schulen und Universitäten vollzogen, ein Bruch mit einer jahrhundertealten Tradition, eine völlige Neuorientierung dessen, was Bildungseinrichtungen zu leisten haben und was die Absolventen solch einer Einrichtung auszeichnen soll.
Gastbeitrag von Armin Volkmar Wernsing
Wie in jedem September hat auch 2014 die OECD ihren „Bildungsbericht“ veröffentlicht, der wie immer auf der einfältigen Reduktion von Bildung auf die Ansammlung von Humankapital und der ordinären Definition des Menschen als Unternehmer seiner selbst beruht. Wie schon früher beklagt die OECD, dass Deutschland nicht genügend Akademiker hervorbringe und dass immer mehr Akademikerkinder keinen Hochschulabschluss anstrebten ‒ vermutlich haben sie gehört, dass hierzulande Tausende von Wissenschaftlern sich mit Zeitverträgen durchschlagen müssen oder dass man als Lehrer keineswegs im Luxus schwelgt. Französische Wissenschaftler haben das neoliberal organisierte Bildungswesen 2011 so gesehen:
Gastbeitrag von Heribert Schopf
Es gibt Begriffe, an denen wir festhalten, obwohl wir gar nicht mehr so genau wissen, was mit ihnen alles noch im Spiel ist. Zu einem solchen Begriff wurde in den letzten Jahren der (klassische) Bildungsbegriff. Begriffe, die nicht (mehr klar) definieren (können), was sie sagen, oder jene, die es an sich haben, nicht klar begrenzen zu können, was sie meinen, werden zu Chiffren. Chiffren sind beliebig, haben wenig Kontur und sind offen für allerlei Füllungen. Gerade weil man ihre inhaltlichen Füllungen nicht mehr genau kennt, laufen derartige Begriffe Gefahr zu „Allerweltsbegriffen“, zu Schlag- oder zu Plastikwörtern zu werden. Auch Bildung, als leerer Begriff, ist zum „Totschlagargument“ geworden.
Gastbeitrag von Wolfram Meyerhöfer
Anfang Oktober werden Bildungsforscher den Kultusministern erklären, warum es weniger wichtig ist, sich mit dem Lernen zu beschäftigen, als Geld in die Vermessung der Ergebnisse des Lernens zu stecken. Zum Jahreskolloquium des DFG-Schwerpunktprogramms „Kompetenzmodelle zur Erfassung individueller Lernergebnisse und zur Bilanzierung von Bildungsprozessen“ werden die Bildungsentscheider nach Frankfurt am Main geladen. Die Bildungspolitik soll auf diese Weise dazu gebracht werden, noch mehr Geld aus der Verbesserung von Schule abzuziehen und stattdessen in das Testen von Schülern zu stecken.
Eine Anmoderation von Erich Ch. Wittmann
Inhaltlich bedarf dieser Text keiner Einführung. Man spürt bei der Lektüre nach wenigen Sätzen, dass die hier für die Situation in Frankreich vorgetragene Fundamentalkritik an der heutigen Entwicklung von Schule und Unterricht und an der Rolle, die Wissenschaftler dabei spielen, für alle westlichen Länder relevant ist.
Gastbeitrag von Rainer Werner
Bildungspolitiker pflegen eine Vorliebe, die Lehrer und Eltern wenig sympathisch finden. Sie lieben es, immer neue Schulformen in die Welt zu setzen. Dabei unterliegen sie dem Trugschluss, man müsse die Schüler nur neu mischen und das Schild am Schultor austauschen, und schon hätte man eine neue wunderbare Lernkultur.
Gastbeitrag von Andreas Dörpinghaus
Gegenwärtig befindet sich die Universität als Institution in einer Krise, obwohl sie im Selbstverständnis ignoriert wird. Die Krise entzündet sich an den Fragen, ob der Gedanke einer wissenschaftlichen Bildung, wie er vor allem von Wilhelm von Humboldt formuliert wird, derzeit einen Ort im Gefüge universitärer Forschung und Lehre findet und die Ausrichtung der Universität an dem Gedanken der Employabilty und des Kompetenzerwerbs den Kern dessen trifft, was Universitäten für Kultur und Gesellschaft bedeuten.
Gastbeitrag von Erich Ch. Wittmann
In der Bildungspolitik gelten heute bestimmte Positionen zum Beispiel Kompetenzorientierung, Bildungsmonitoring, Schulzeitverkürzung, Schülerorientierung, Inklusion et cetera als ‘gesetzt’. Sie werden daher umgesetzt, ohne dass deren Sinnhaftigkeit im komplexen System Schule mit allen Konsequenzen wirklich gründlich geprüft wurde. Der Autor hält dies für einen gravierenden Fehler und plädiert für eine fundierte Alternative, die nicht nur bessere Ergebnisse verspricht, sondern auch kostengünstiger ist.