Veröffentlicht am 10.04.12

Sudoku

Rezension zu Stefan Kühl: Sudoku. Hochschulen im Teufelskreis der Bürokratie. Eine Streitschrift, Bielefeld: transscript, 2012

Sudoku heißt das Buch des Bielefelder Soziologen Stefan Kühl. Wer eine Anleitung zu dem Zahlenrätsel erwartet oder eine Reflexion darüber, liegt falsch. Mit dem Zahlenspiel, das in der analogen wie digitalen Variante seit ein paar Jahren dem Kartenspiel „Solitär“ den Rang des weltweit führenden „Zeitvernichters“ abläuft, hat die Streitschrift von Kühl wenig zu tun. Erst der Untertitel offenbart die intendierte Stoßrichtung: „Hochschulen im Teufelskreis der Bürokratie.“

Das Logikspiel „Sudoku“ dient als Matrix für ein ursprünglich flexibles System, das durch wenige Parameter und Randbedingungen in sein Gegenteil verkehrt wird. Für das Spiel sind die Rahmenbedingungen klar. 81 Zahlen, neunmal die Zeichenfolge 1 bis 9, sind in einem Raster aus neun Zeilen und Spalten (9×9) so anzuordnen, dass jede Zahl in jeder Spalte, jeder Zeile und jedem Unterblock aus 3×3 Kästchen nur einmal vorkommt. Den über 5 Milliarden möglichen Varianten (rein statistisch) steht eine andere Zahl gegenüber: 17. Sobald 17 Zahlen ins Raster eingetragen sind, gibt es nur noch eine Lösung (heißt es). Damit wird aus einem quantitativ sehr flexiblen System durch wenige Setzungen ein vollständig starres.

Kühl benutzt die Metapher des Spiels, um zu vergleichen: die Versprechungen vor der „Bologna-Reform“mit dem Resultat. Das ernüchternde Ergebnis: Behauptungen wie größere Mobilität und Flexibilität sind ebenso wenig realisiert wie die Harmonisierung und Vergleichbarkeit von Studienleistungen zwischen Hochschulen und/oder Ländern. Im Gegenteil. Durch die Umstellung von Lehrveranstaltungen auf Module und die „Abrechnung“ von Studienleistungen nach dem  „European Credit Transfer and Accumulation System“, kurz ECTS, wird nicht nur der Wechsel zwischen Hochschulen und Ländern immer schwieriger (oder gar unmöglich). Sogar das Studieren an nur einer Hochschule von nur einem Studiengang wird zu einer komplexen Aufgabe. Denn: Belegt werden nicht mehr Vorlesungen  und Seminare, sondern Module, die sich aus ganz unterschiedlichen Veranstaltungen (zum Teil aus mehrerer Fakultäten) zusammensetzen (können). Erworben werden keine Scheine, sondern ECTS-Punkte. Die Wahl der Veranstaltungen ergibt sich nicht mehr (primär) aus sinnvollen Inhalten, sondern aus der zu erreichenden ECTS-Punktezahl. Pro Semester sind 30 ECTS zu „erwirtschaften“. Studiengänge sind entsprechend (vor)geplant, damit in jedem Semester die entsprechende Anzahl an ECTS erzielt werden (können). Wahlmöglichkeiten schwinden ebenso wie Zusatzfächer, die aus Interesse belegt werden (könnten), wenn noch Zeit bleibt. Jede Regelabweichung – und sei es „nur“ Krankheit – führt zu Problemen und Zeitverlust.

Das vermessene Studium

Einen Bachelor gibt es ab 180 ECTS (an Universitäten; an Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) sind es i.d.R. 210 ECTS in sieben Semestern, bei Dualen Hochschulen in Baden-Württemberg (DHBW) 210 ECTS in sechs Semestern). ECTS wiederum sind eine Zeiteinheit. Um einen ECTS-Punkt zu bekommen, muss ein „durchschnittlicher Student“ je nach Land und Hochschulform zwischen 25 und 30 Zeitstunden arbeiten. Für einen Bachelor muss man – ebenfalls abhängig von Land und Hochschulform – zwischen 4.500 und 6.300 Zeitstunden in wahlweise (wiederum je nach Land und Hochschulform abweichend) sechs oder sieben Semestern nachweisen etc.pp.

Aus dem Ziel einer angeblich besseren Vergleichbarkeit von Studienleistungen wird ein offensichtlich absurdes System von abzurechnenden Zeitstunden. Als würde, als könnte man mit Stechuhr studieren. Diese Absurdität für Studierende habe weitreichende Konsequenzen für die Hochschulen. Verschulung wider Willen (Kap. 4), unvermeidbare Regelabweichungen und auch juristisch relevante Regelverstöße (Kap. 5) führen zu einem „bürokratischen Teufelskreis (Kap. 6), der schließlich zu einer (ergebnislosen) Suche nach „den Schuldigen“ (Kap. 7) führt.

Die Kunstwährung „ECTS“, die formal den Arbeitsaufwand eines Studiums in Stunden wiedergeben soll (den sogenannten „workload“), wird in der Darstellung von Kühl zum alles überwölbenden Regulativ. Ein Studium zu planen werde schwieriger als die sozialistische Planwirtschaft der Fünfjahrespläne – und genau so unsinnig. Wer studiert habe, wisse, dass man ein drei (Bachelor)  bis fünfjähriges Studium (Master) in Stunden weder planen kann noch will. Aus alles in allem ganz gut funktionierenden Einrichtungen wie Hochschulen und Universitäten werde durch die Einführung der für ein Studium sinnfreien Verwaltungseinheit (den ECTS)  ein denkbar inflexibles System.
Hier kann (und soll ) die Argumentation nicht in allen Details nachvollzogen werden. Lesen Sie selbst, wie ein für die Inhalte eines  Studium an sich völlig unerhebliches  Detail (Kreditpunkte, Module) ein komplettes System lähmen und diese Form der sinnfreien Bürokratisierung unendlich viel Ressourcen (Zeit, Geld, Nerven)  frisst. Der Text von Kühl liest sich damit als prototypische Beschreibung einer sich verselbständigenden Bürokratie, die sich zunehmend nur noch mit sich selbst beschäftigt.

Prinzip und Methode

Man kann (und sollte) dieses Phänomen auf andere Aspekte der ausufernden Hochschulbürokratie anwenden, etwa Evaluationen mit den Evaluationsbeauftragten und stetig wachsenden Evaluations-Abteilungen, den regelmäßigen Akkreditierungen, dem stetig zunehmenden „Qualitätsmanagement“ (QM) und den ebenso stetig wachseonden QM-Abteilungen, dem unaufhaltsam wachsenden Antragswesen für Drittmittel (bei einer wissentlichen Erfolgsquote von weniger als 10%), den Rankings etc. Denn ECTS und Module sind nur exemplarische Krankheitserreger, mit  denen sich Hochschulen und Dozenten herumschlagen (müssen?).

Wünschenswert wäre daher die ergänzende Einbindung der ECTS in das allgemeine Prinzip der Paralysierung von Hochschulen und Hochschullehrenden in ein immer umfassenderes System der Bürokratisierung, die den Widerstand gegen den ökonomischen Umbau der Hochschulen und Universitäten vorsätzlich lähmt und alle Beteiligten systematisch erschöpft. Wenn es gelingt, die älteren Kolleg(inn)en in die „innere Emigration“ zu treiben und die neu berufenen Kolleg(inn)en gleich auf das neue System der Vollbürokratie einzuschwören, bleibt keine Zeit mehr, um zu hinterfragen, zu was Hochschulen und Universitäten mit ECTS, Modulen, QM, Rankings etc. umgebaut werden (sollen). Dieser Kontext ist m.E. notwendiger Teil der Analyse des Umbaus.
Sprachlich liest sich das Buch von Kühl erfreulich nüchtern und streckenweise amüsant, wobei man mitunter nicht weiß,  ob es nun souveränes Understatement ist oder gut kaschierter Sarkasmus, was da so sachlich wie absurd vorgetragen wird. Vielleicht hält Kühl auch nur allen Beteiligten geschickt einen Spiegel vor? Denn die „Bologna-Reform“ und deren Umsetzung in Studiengänge und Modulhandbücher sind zwar von Wirtschafts- und Arbeitgeberverbänden initiiert, von Kultusministerien juristisch formuliert und von den Rektoraten an die Fakultäten delegiert, aber eben auch an den Fakultäten von den Kollegien erarbeitet worden.

So liest sich das Buch nicht zuletzt als Aufforderung an alle Hochschulmitarbeiter, ihr eigenes Handeln beim beabsichtigten „Umbau der Hochschulen“, bei der Einführung von Leistungspunkten, Zielvereinbarungen und Qualitätsmanagementwerkzeugen zu reflektieren – und möglicherweise bei den weiter anstehenden „Reformen“ zu opponieren. Daher sei dieses Buch jeder und jedem empfohlen, der im Detail nachlesen möchte, wie scheinbar sinnvolle  Nebensächlichkeiten wie die „bessere Vergleichbarkeit von Studienleistungen“ zu bürokratischen Kuckuckskindern werden können, die allen Mitgliedern der Hochschulen, Studierenden wie Dozenten, buchstäblich die Luft zum Atmen nehmen.