Veröffentlicht am 16.03.19

Für den Erhalt der »Darmstädter Pädagogik« an der TU Darmstadt

Die erstaunlich geringe Rezeption der Schriften dieses Gelehrten [Heinz-Joachim Heydorn] innerhalb der professionellen Hochschullehrerschaft ist selbstverständlich kein Zufall. Sie hängt vielmehr damit zusammen, daß materialistische Betrachtung innerhalb der bürgerlichen Wissenschaft diese zugleich in Frage stellt, ihre abge­schirmten Lesarten ermittelt und zeigt, warum das bürgerliche Subjekt die ihm geltenden Verheißungen von Freiheit nicht verwirklichen kann und sich mit Konsum abspeisen läßt, mit einem Wort, warum Bildung nicht wirksam ist.«[1]

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

Dem sogenannten Fachbereich Humanwissenschaften der TU Darmstadt stehen tiefgreifende Struktur­ver­änderungen bevor. Davon betroffen ist insbesondere das Fachgebiet Allgemeine Päda­gogik. Professor Dr. Peter Euler wird Ende dieses Semesters in den Ruhestand versetzt. Diese Gelegenheit soll offenbar genutzt werden, die durch einen kritisch-materialistischen Ansatz geprägte „Darmstädter Pädagogik“ aus ihrer traditionellen Herkunfts- und Wirkungsstätte zu verdrängen. Denn auf Empfehlung einer externen Evaluation­skommission und mit der Unterstützung des Präsidenten der TU Darmstadt soll die bisher von Peter Euler vertretene Professur „Allgemeine Pädagogik mit dem Schwerpunkt Pädagogik der Natur- und Umwelt­wissen­schaften“ durch eine Digitalisierungsprofessur ersetzt werden, „um das Profil Digitalisierung […] im Bereich der Pädagogik zu stärken, da es der Pädagogik in Darmstadt, angeblich gerade aufgrund des breiten Angebots, an Profil mangele [3]. Durch die Integration in dieses „besondere Profil der TU Darmstadt“ wird das kritische Potential der Darmstädter Pädagogik „neutralisiert“. Schließlich dürfte dadurch „die ohnehin schon weit gedie­hene Spezialisierung der Erziehungswissenschaft durch themenspezifische Profil­bildungen, die sich an den Direk­tiven des Marktes orientieren“ [4], weiter voranschreiten. Einer solchen Indienstnahme der Pädagogik für den digitalen Wettlauf wäre nur mit einer akzentuiert kritisch-materialistisch ausgerichteten „Digitalisierungs­professur“ wirksam entgegenzutreten.

Im Zusammenhang dieser Planungen der inhaltlichen und strukturellen Veränderung des Instituts für Pädagogik wird auch über die Aussetzung des Bachelor-Studiengangs Pädagogik diskutiert. Die Abstimmung über diese Aussetzung konnte durch den öffentlich­keits­wirksa­men Protest der Studierenden auf das Direktorium des Instituts verschoben werden, wodurch die Aussetzung des Studiengangs frühestens in einem Jahr in Kraft treten könnte.

Angeregt und getragen wurden diese Proteste von der studentischen Aktionsgruppe „Mut zur Kritik“. Sie wurde im WS 2018/19 gegründet unter der Zielsetzung, den Niedergang der „Darmstädter Pädagogik“ aufzuhalten und diese stattdessen wieder aufzubauen und zum Leben zu erwecken.

Die im Institut für Pädagogik der TUD geplanten Strukturveränderungen sind kein Einzelphänomen. Um sie verstehen und einordnen zu können, ist gerade der Blick in die Texte der Protagonisten der „Darmstädter Pädagogik“ aufschlussreich.  So wird in dem 2015 erschienen Heft 1  über „Kritische Pädagogik-Eingriffe und Perspektiven“ vor der nicht erst seit gestern und nicht nur an der TU Darmstadt  vorangetriebenen „Neutralisierung der Pädago­gik“ eindringlich gewarnt [5]. „Neutralisierung“ bedeutet hier u.a., dass Spannungen und Kon­flikte nicht mehr thematisiert werden und die Pädagogik ihrer Wirksamkeit beraubt wird [6]. Dies ist vor allem das Resultat  einer „feindlichen Übernahme“, d.h. einer ge­zielten „Fremdverfügung der Großkonzerne“ [7] über die Wissenschaft der Päda­gogik. „Es gibt in der bürgerlichen Gesellschaft nur einen Wert, dessen Macht alles durchringt: der den Dingen innewohnende Tauschwert, der als Kapital die Bewegung seiner Akkumulation ist.“[8]

Um das kritische Verständnis solcher Zusammenhänge in der Ausbildung von Pädagogen zu fördern und der Vereinnahmung der Pädagogik durch die Profitinteressen des Kapitals entgegenwirken zu können, bedarf es einer kritisch-materialistischen Pädagogik. Denn, „dass mit dem Kapitalismus statt der Vernunft das Wertgesetz als Prinzip der zur vollendeten Unver­nunft verkehrten Vernunft die bürgerliche Gesellschaft beherrscht, sieht die materialistische Pädagogik auch als ein Versagen der Pädagogik.“ [9]

Wir fordern deshalb die vielfach beklagte „Leerstelle der Erziehungswissenschaft auf dem Gebiete einer Kritik der Politischen Ökonomie“[10] durch entsprechende „Lehr­stellen“ zu ersetzen, um damit die Neutralisierung der kritisch-materialistischen „Darmstädter Pädagogik“ zu ver­hindern. Um es mit den Worten Gernot Koneffkes zu formulieren: „Kein Begriff dieser Gesellschaft ohne Kenntnis der »Kritik der politischen Ökonomie«.“[11]

Wir fordern den Erhalt und Ausbau der »Darmstädter Pädagogik« an der TUD

Als Junge GEW im Kreisverband Darmstadt bitten wir um Unterstützung in Form einer kurzen Solidaritätsbekundung für den Erhalt und Ausbau der kritisch-materialisti­schen „Darmstädter Pädagogik“ und die Proteste der Studierenden am Päda­gogik-Institut der TU Darmstadt.

 

Solidarische Grüße,

Junge GEW Darmstadt

-mit Unterstützung der Montags-Lehrergruppe im Kreisverband Darmstadt der GEW

 

 

[1] Gamm, Hans-Jochen: Materialistisches Denken und pädagogisches Handeln, Franfurt/Main 1983 (Campus), S. 191.

[2] Evaluationsbericht Technische Universität Darmstadt: Institutionelle Evaluation des Fachbereichs 3 – Human wissen schaften Vor-Ort-Be ge hung vom 19. – 21. Juni 2018, S. 5. Vgl. auch: Kommentierung des Präsidenten der TUD zum Evaluationsbericht für den Fachbereich Humanwissenschaften in 2018 vom 11.10.2018, S. 2.

[3] ebenda, S. 8.

[4] Vgl. Bernhard, Armin: Wie man Wissenschaft ruinieren kann – Zur feindlichen Übernahme und Selbstenteignung der Erziehungswissenschaft, in: Bernhard, Armin; Bierbaum, Harald; Borst, Eva u.a. (Hrsg.): Neutralisierung der Pädagogik, Kritische Pädagogik – Eingriffe und Perspektiven, Heft 1, Baltmannweiler 2015 (Schneider Verlag Hohengehren), S. 23.

[5] Bernhard, Armin; Bierbaum, Harald; Borst, Eva u.a. (Hrsg.): Neutralisierung der Pädagogik, Kritische Pädagogik – Eingriffe und Perspektiven, Heft 1, Baltmannweiler 2015 (Schneider Verlag Hohengehren).

[ 6] Vgl. Bernhard, Armin: Wie man Wissenschaft ruinieren kann – Zur feindlichen Übernahme und Selbstenteignung der Erziehungswissenschaft, in: ebenda, S. 13-37, S. 13.

[7] ebenda, S. 14.

[8] Koneffke, Gernot: Wert und Erziehung (1982), in: ders., Widersprüche bürgerlicher Mündigkeit, Materialistische Bildungstheorie als politische Explikation der Pädagogik, Band I: Bildungspolitische Analysen und Einsprüche, hrsg. von Harald Bierbaum & Katharina Herrmann, Baltmannweiler 2018 (Schneider Verlag Hohengehren), S. 173.

[9] Koneffke, Gernot: Einige Bemerkungen zur Begründung materialistischer Pädagogik (2006), in: ders., Widersprüche bürgerlicher Mündigkeit, Materialistische Bildungstheorie als politische Explikation der Pädagogik, Band II: Bildungstheoretische Begründungen und Positionierungen, hrsg. von Harald Bierbaum & Katharina Herrmann, Baltmannweiler 2018 (Schneider Verlag Hohengehren), S. 210.

[10] Bernhard, a.a.O., S. 24.

[11] Koneffke (2006), a.a.O., S. 209.

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