Veröffentlicht am 17.09.13 |

Früher, als das Wünschen noch geholfen hat…

PD Dr. Rainer Bremer im Interview mit der Metallzeitung, September 2013

MZ: Bundesweit gibt es kurz vor Beginn des Ausbildungsjahres noch mehr als 146000 freie Stellen. Gleichzeitig sind mehr als 200000 junge Menschen noch auf der Suche, 40000 von ihnen bereits seit mehr als einen Jahr. Da passt das Angebot der Betriebe nicht mit den Wünschen der jungen Menschen zusammen, oder?

RB: Wie heißt es bei den Gebrüdern Grimm am Anfang des Märchens vom Froschkönig? »Früher, als das Wünschen noch geholfen hat…«. Im Ernst, die reibungslose Passung zwischen Ausbildungsplatzangebot und –nachfrage ist eine reine bildungspolitische Illusion. Ich vermag nichts Schlimmes darin zu erkennen, daß in Zeiten des Fachkräftemangels, der sich ja wohl herumgesprochen haben dürfte, junge Menschen nicht das erstbeste Ausbildungsangebot wahrnehmen. Insofern verhalten sie sich marktrational; sie werden immerhin gesucht und das ist besser, als wenn sie wie früher froh über jedes Lehrstellenangebot sein müßten.

MZ: Andererseits: Auf dem Ausbildungsmarkt gibt es, ganz genauso wie auf dem Arbeitsmarkt, ja große branchenspezifische und regionale Unterschiede …

RB: Genau, da muß man die Statistik höher auflösen. Denn paradiesische Verhältnisse sind bestimmt noch nicht ausgebrochen, hinter dem zahlenmäßigen Mißverhältnis verbergen sich auch noch gravierende bildungspolitische Mißstände.

MZ: Die Situation wird sich in den kommenden Jahren noch verschärfen: Der demografische Wandel wird noch spürbarer werden, gleichzeitig dürften sich immer weniger Jugendliche für eine berufliche Ausbildung entscheiden. Die Unternehmen müssen also mehr Offenheit bei der Besetzung von Stellen zeigen?

RB: Nach meiner Kenntnis gehen die Unternehmen, die sich das leisten können, präventiv vor, d. h. sie versuchen, das Problem zu lösen, bevor sie mit Bewerbern konfrontiert werden, die sie aus Erfahrung nicht für geeignet halten und die sie früher bequem haben fernhalten können. Jetzt bereiten sie ihre Ausbildungsabteilungen darauf vor, Schüler der 8. und 9. Klasse durch Praktika und Schulprojekte in ihrer Entwicklung so zu beeinflussen, daß eine sog. Ausbildungsunreife gar nicht erst entsteht. Dabei geht es natürlich auch wieder um eine Art Bestenauslese. Das kann man anprangern, man sollte sich aber klar darüber sein, daß das eigentliche Problem nur im öffentlichen Schulwesen zu lösen ist. Es ist eigentlich eine bildungspolitische Bankrotterklärung, die Verantwortung für eine hinreichende Bildung junger Menschen auf die Ausbilder und ausbildungsbegleitenden Fachkräfte in den Betrieben zu schieben.

Das ganze Interview als PDF: Metallzeitung: Interview PD Dr. Rainer Bremer

Zu den Autoren:

Bremer, Rainer