Veröffentlicht am 14.07.16 |

Die Trivialisierung der Studierenden

Die Kultusministerkonferenz und die Hochschulrektoren-konferenz drohen in die Kompetenzfalle zu tappen

Working Paper 4/2016 und FAZ vom 14.7.2016 S. 7

„Kompetenz“ scheint zum neuen Lieblingswort der Hochschulpolitiker zu werden. (…) Wie bei allen Managementmoden – man denke nur an die Forderung nach „agilen Organisationen“, „lernenden Universitäten“ oder „wissensbasierten Unternehmen“ – macht es einem der Begriff der „kompetenzorientierten Hochschule“ schwer, dagegen zu sein. Es würde jedenfalls für erhebliche Überraschung sorgen, wenn Kultusminister und Hochschulrektoren eine gemeinsame Erklärung verabschieden würden, in der sie sich für eine „Inkompetenzorientierung“ in Lehre und Forschung aussprechen. Und es wäre auch hochschuldidaktisch schwer zu begründen, weswegen es problematisch sein sollte, wenn Studenten am Ende ihres Studiums über irgendwie geartete Kompetenzen verfügen.

Hinter dem Konzept der Kompetenzorientierung steckt jedoch nicht allein die Vorstellung, dass sich Lehrende darüber Gedanken machen sollen, welche Fähigkeiten sich Studierende im Laufe ihres Studiums aneignen sollen. Das wäre banal. Schließlich gehörte es schon lange vor Beginn der Bologna-Reform zur Praxis an Hochschulen, dass Lehrende überlegen, was Studierende am Ende eines Studiums können sollten, was die Leistungserwartungen in einer Veranstaltung sein sollten und in welcher Reihenfolge Veranstaltungen sinnvollerweise studiert werden sollten. Diese Diskussionen fanden nicht nur bei der Entwicklung von Studien- und Prüfungsordnungen statt, sondern jede Abstimmung über die Lehrplanung für ein Semester, jede Debatte über den Schwierigkeitsgrad von Prüfungen und jede Diskussion über die Leistung besonders guter oder besonders schlechter Studenten im Rahmen von Begutachtungen waren Anlässe, zu denen man sich in Fachbereichen, Fakultäten und Instituten darüber vergewisserte, was Studenten eines Studiengangs können sollten und was nicht. Ob man das nun „Lernzielorientierung“ oder „Kompetenzorientierung“ nennt, ist zweitrangig. Das Problem liegt vielmehr in dem Bildungsideal, das mit dem modischen Wort der „Kompetenzorientierung“ transportiert wird.

Stefan Kühl: Die Trivialisierung der Studierenden

Working Paper 4/2016 und FAZ vom 14.7.2016 S. 7

Zu den Autoren:

Kühl, Stefan

Prof. Dr., Universität Bielefeld