Veröffentlicht am 09.11.14

Generation G8

Zu Beginn meiner Lehrtätigkeit 1986 in Nordrhein- Westfalen kamen die Studierenden aus dem neunjährigen Gymnasium oft plus Bundeswehrzeit/Zivildienst und FSJ oder Auslandsaufenthalt; nunmehr stammen sie aus dem G8. Viel mehr Studierende als früher haben Klassen übersprungen und sind eher eingeschult worden. Sie haben bessere Schulnoten. Die Statistiker bestätigen diesen Eindruck. In Hessen hat sich zwischen 2009 und 2013 der Abiturnotendurchschnitt von 2,46 auf 2,42 verbessert und die Ergebnisse der G8 Schüler sind besser als die der G9-Schüler; zudem ist die Rate der 1,0-Abiture von 1,2 auf 1,6 gestiegen. Kurz: In Hessen werden bei verkürzter Schulzeit die Qualifikationen besser! Die Nordrhein-Westfalen Landesregierung hat auf eine Anfrage der Opposition angegeben, dass sich die Zahl der 1er Abiturzeugnisse in Nordrhein-Westfalen zwischen 2007 und 2011 sogar verdoppelt hat. Wenn das so weiter steigt…. Erstsemester sind bundesweit im Durchschnitt jünger geworden, statistisch von 21,6 (1992) auf 20,4 (2011/12). Einige Quellen stellen fest: »Absolventen mit allgemeiner Hochschulreife sind mit durchschnittlich 19,4 Jahren ein halbes Jahr jünger als diejenigen des Jahres 2007.« Die Frage ist nun: Was sich tatsächlich verändert, seitdem an den Universitäten Studierende immatrikuliert sind, die mehrheitlich nur acht Jahre auf dem Gymnasium waren und manchmal nicht einmal achtzehn Jahre alt sind?

Die vorliegende Beschreibung hat sich aussagekräftiger Quellen bedient: Seit drei Jahren lasse ich vergleichbare Klausuren
in den Anfangssemestern schreiben: Die bisher rund vierhundert Klausuren mit je sechs Fragen verlangen Reproduktion, aber auch Reorganisation und Transfer sowie Urteile. Die Fragen lauten etwa: »Warum sind Schulen gegründet worden: Unterscheiden Sie soziale und pädagogische Motive! –Welche (aktuellen) Theorien wollen den Bildungsbegriff ersetzen? Beurteilen Sie die Versuche! – Referieren Sie die Absichten mittelalterlicher Klosterschulen und übertragen Sie die Aspekte auf die heutige Situation von Schulen! –Welche wissenschaftlichen Perspektiven kann man mit welchen Absichten auf Schule entwickeln? Ein Pool von rund 120 möglichen Fragen ist den Studierenden vor den Klausuren bekannt, so dass die Studierenden von der Art der Fragen nicht überrascht sein können. Bei Referaten ist eine schriftliche lehrzielorientierte Sachanalyse verlangt, für die kurze Texte (zehn bis zweihundert Zeilen) zu referieren sind. Die Aussagen geben Trends an, die zu erwartende Normalverteilung (bei 120 Prüfungsteilnehmern) verschiebt sich ständig auffallend in den Minus-Bereich, der Scheitel der Kurve liegt nicht mehr am 0-Punkt der x-Achse.

Studierende können kaum eigene Fragen zu den Texten formulieren

Die G8-Studierenden sind durchaus in der Lage, Theorien angemessen wiederzugeben, wenn diese zuvor sprachlich einfach dargestellt worden sind. Die eigenständige Erschließung von Theorien aus einfachen wissenschaftlichen Texten (zum Beispiel Karl Popper) fällt den meisten Erstsemestern allerdings schwer; die Erschließung von Thesen aus historischen oder syntaktisch komplexen Texten (Humboldt, Hegel, aber auch Comenius) bedarf erheblicher Unterstützung. Bei mehrdimensionalen Texten bereitet sogar eine angemessene eigensprachliche Reproduktion Schwierigkeiten. Die Texte können in der Regel nicht komplex, systematisch vollständig und in eigenen Worten
zusammengefasst werden.

Die Studierenden lesen sehr wohl die Texte (ich sehe es an den Unterstreichungen in den Texten) und sind wie üblich auf die Seminarsitzungen vorbereitet. Sie können aber kaum eigene Fragen zu den Texten formulieren. Auch können sie das, was Verständnisschwierigkeiten bereitet, nicht formulieren – mit der Ausnahme einfacher Fragen nach unbekannten Worten und ganzer Abschnitte. »Ich verstehe das alles nicht!«. Ein Text wird nicht als Herausforderung verstanden, sondern als Dienstleistung: Textschwierigkeiten werden als Problem des Textes aufgefasst, nicht als Defizit im eigenen Können. Bei den Unterstreichungen, zumeist mit Marker, einfarbig, fällt auf, dass beinahe alles hervorgehoben ist, also keine Bedeutungshierarchien optisch markiert werden (- zum Beispiel nach These, Begründung, Beispiel, immanente Gliederung 1., 2., 3., und so weiter). Eine textnahe Wiedergabe des Gedankenganges ist (selbst bei eigens hierzu konstruierten Texten) eigenständig nicht mehr möglich: Es fehlt dazu die Fähigkeit zum strukturellen Analysieren des Textes; die fremde Begründungslogik wird nicht nachvollzogen. Stattdessen werden dem Text unterstellte Meinungen referiert, die schon in der Analyse mit eigenen Meinungen abgeglichen werden. Selbst textanalytisches Vokabular (zunächst-anschließend-schließlich; zwar – aber) oder rhetorische Hilfen im Text (Gliederung durch parallele Parataxen) werden eigenständig nicht erkannt – oder zumindest bei der Analyse nicht genutzt. Texte werden als ‘aneinandergereihte Meinungen’ aufgefasst – dass sie einen gedanklich ‘zwingenden’ Aufbau haben können, wird nicht vorausgesetzt.

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