Veröffentlicht am 09.11.14

Gleichheit oder Gerechtigkeit? Ziele der Bildung und empirische Forschung

Gastbeitrag von Harro Müller-Michaels

Bildung ist nur in Widersprüchen zu denken. Auf der Grundlage gegebener Verhältnisse und vorhandener Fähigkeiten sollen Konzepte entwickelt werden, die Jugendliche befähigen, ihr zukünftiges Leben selbstbestimmt zu gestalten. Der Realität läuft ständig die Utopie voraus, die sie leitet, korrigiert und sich im Prozess der Anarbeitung selbst verändert. Ohne diese Entwürfe auf die Zukunft bekräftigte sich das Bestehende, fände Bildung nicht statt. Auch die seit einigen Jahren formulierten Kompetenzraster sind nichts anderes als Beschreibungen angestrebter Lernziele für die Bewältigung zukünftiger Aufgaben. Allerdings sind sie konsequent auf die von Schülerinnen und Schülern zu erwerbenden Fähigkeiten ausgerichtet und akzentuieren klar die formale gegenüber der materialen Bildung. Mit der Förderung von Kompetenzen wird wohl funktionale Intelligenz entwickelt, aber keine ganzheitliche Bildung. In meinen Vorschlag zur Bestimmung von Bildung sind viele Lektüren und Diskussionen mit Pädagogen eingeflossen, sodass er als Hypothese für eine Weiterarbeit geeignet erscheint:

Bildung ist das Vermögen, Wissen, Können und Verantwortung so zu entwickeln, dass daraus das Bedürfnis wird, alle eigenen Möglichkeiten ganz auszuschöpfen, um über sich hinauszuwachsen.

So klar die drei Dimensionen des Wissens, Könnens und Verantwortens bestimmt, die Perspektive auf das Zukünftige betont
und die Selbstbestimmung des Handelns und Denkens in den Mittelpunkt gerückt sind, bleiben die Widersprüche offenkundig:

• Der erste Widerspruch liegt in dem Unterschied zwischen der Projektion und dem gegenwärtigen Status der Entwicklung bei jedem einzelnen Schüler: Bild und Wirklichkeit korrigieren sich kontinuierlich gegenseitig in unabschließbarem Prozess.
• Hinzu kommt zweitens der notwendige Konflikt der Theorie und Praxis in der je verschiedenen konkreten historischen Gegenwart. Die Differenz zwischen Utopie und Wirklichkeit muss betont bleiben, um der konkreten Situation mit ihren Defiziten und aktuellen Krisen ein Leitbild für Veränderungen entgegenzustellen, das mit der Zeit mit immer neuen Erfahrungen aufgeladen wird.
• Schließlich gibt es drittens den unabweisbaren Widerspruch zwischen dem politischen Anspruch auf allgemeine Bildung für alle und dem pädagogischen Auftrag für die individuelle Förderung jeder einzelnen heranwachsenden Persönlichkeit. Der Konflikt für die Lehrpersonen besteht darin, dass mit der Intensivierung der Bildung für alle die Differenzen zwischen den Kindern und Jugendlichen wachsen. Die Kluft zwischen universellem Anspruch und seiner individuellen Einlösung wird im Verlauf der Schulzeit immer größer.

Mit dem dritten Punkt sind wir bei der zentralen, bisher in der Didaktik wenig diskutierten Frage, ob diese Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit hingenommen, im Laufe eines Schuljahres oder der gesamten Schulzeit vielleicht sogar vergrößert werden muss, ob die Differenzen innerhalb einer Kohorte klein gehalten oder zugunsten individueller Förderung ausgebaut werden müssen, kurz: ob Gleichheit oder Gerechtigkeit leitendes pädagogisches Prinzip sein soll. Auf Anhieb scheint es keinen Zweifel zu geben, dass der Gedanke der Gleichheit für alle Bildungsarbeit bestimmend sein muss: Chancengleichheit ist von Anfang an, nach Leistungsprüfungen und bei Veränderungen in der Kohorte immer wieder neu herzustellen. Jeder Schüler ist gleich zu behandeln, auch Lehrpersonen und Schüler sind Gleiche mit unterschiedlichen Aufträgen.

Der ganze Beitrag als PDF: Müller-Michaels: Gleichheit oder Gerechtigkeit?

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