Veröffentlicht am 22.10.19

Scheuklappen statt Weitblick

Die medienpädagogische Verkürzung auf Digitaltechnik

Eine geschäftsführende Rektorin von Grund-, Werkreal-, Real und Gesamtschulen aus Baden-Württemberg wurde im Juli 2019 mit der Aussage zitiert, die Frage nach Sinn oder Unsinn der Digitalisierung von Grundschulen stelle sich nicht mehr, seit es vom Land den Auftrag zur Medienbildung gebe. Die Aussage ist so typisch wie falsch. Die Verweigerung der notwendigen Diskussion über Medien und Medientechnik in Schulen ist ebenso unverantwortlich wie die mittlerweile übliche Verkürzung der „Medienbildung“ auf den Einsatz digitaler Medien.

Pädagogisch und didaktisch muss für jede Schulform und jedes Fach, für jede Schülergruppen und jede konkrete Unterrichtssituationen im Einzelfall hinterfragt werden, welche Medien beim Erreichen der Lernziele hilfreich sein können und welche nicht. Was in einer Gruppe funktioniert, kann in einer anderen Gruppe scheitern. Für den Medieneinsatz im Unterricht gibt es keine Automatismen, wenn man pädagogisch verantwortlich arbeitet. Eine qualifizierte Lehrkraft agiert auch beim Medieneinsatz gruppenspezifisch. Die Verweigerung bereits der Frage nach Sinn oder Unsinn der Mediennutzung im Unterricht ist zudem ein Angriff auf die Methodenfreiheit der Kolleginnen und Kollegen. Bildungspläne der Länder geben Lernziele vor, nicht technische Geräte oder damit verbundene Lehrmethoden.

Nicht einmal die technische Ebene der Digitalisierung ist verstanden. Etwas zu digitalisieren bedeutet, Informationen in ein maschinenlesbares Format zu transferieren. Diese technische Transformation wandelt Information in Daten, die von Rechnern und Software weiter verarbeitet werden können. Was genau soll an Schulen digitalisiert, d.h. in Daten konvertiert und Datenverarbeitungssystemen zugeführt werden? Lerninhalte, Lernverhalten, Lernleistungen?

In den Bildungsplänen Baden-Württemberg steht unter dem Stichwort „Medienbildung (MB)“ übrigens nichts von Verkürzung auf Digitales: „Die Entwicklung unserer Gesellschaft zu einer Mediengesellschaft macht Medienbildung zu einem wichtigen Bestandteil allgemeiner Bildung. Ziel von Medienbildung ist es, Kinder und Jugendliche so zu stärken, dass sie den neuen Anforderungen sowie den Herausforderungen dieser Mediengesellschaft selbstbewusst und mit dafür erforderlichen Fähigkeiten begegnen können. Dazu gehören eine sinnvolle, reflektierte und verantwortungsbewusste Nutzung der Medien sowie eine überlegte Auswahl aus der Medienvielfalt in Schule und Alltag.“ (1)

Nur: Es wird weder hinterfragt, was unter einer Mediengesellschaft zu verstehen ist noch, was sie von Nicht-Mediengesellschaften unterscheidet. Leider verflüchtigt sich auch die Medienvielfalt, sobald man weiterklickt. Auf der Website des Landesbildungsservers Baden-Württemberg „Medienbildung in der Grundschule“ verkürzt sich das Medien-Spektrum unter der Überschrift „Aus der Medienarbeit der Modellschulen“ dann doch auf Digitales. „Im Rahmen der Medienoffensive Schule II sollte der integrative Einsatz der neuen Medien im Unterricht der Grundschule erprobt und evaluiert werden. Erfahrungen zur technischen Ausstattung sollten ebenfalls gesammelt werden. Besonders richtete sich das Augenmerk aber auf pädagogische Fragen. Der Einsatz des Computers als methodisch-didaktisches Hilfsmittel, als Werkzeug zur Herstellung von Medien, als Lerngegenstand und als Mittel der Kommunikation bildeten die Schwerpunkte.“ (2)

Auf ins digitale Gefecht: Medienoffensive an Grundschulen

Wer sprachsensibel ist, stolpert bereits über den Begriff „Medienoffensive Schule II“. Wer oder was soll mit dieser Offensive erobert werden? Sind militärisch und werbepsychologisch besetzte Begriffe das richtige Vokabular für die pädagogische (Medien)Arbeit mit Grundschulkindern? Wer dann Beispiele anschaut, findet für die erste Klasse das Projekt „Ein Fisch aus Pappmaschee“. (3) Die Beschreibung zeigt, dass der Fokus dieser Übung weder auf dem manuellen und kreativen Gestalten mit Papier, Kleister und Farben noch in der Auseinandersetzung mit dem Thema Wasser als Lebensraum liegt. Stattdessen gibt es Handlungsanweisungen für eine kleinteilige, digitale Dokumentation: „Einen Pappmascheefisch herstellen, die einzelnen Schritte fotografieren, zu jedem Bild einen erklärenden Satz von den Schülern aufnehmen, die Bilder formatieren und die gesprochenen Sätze auf die emac – Plattform stellen (durch den Lehrer).“

Bei der Frage, welche Technik, Software und Know-how zum Einsatz kommen, werden immerhin pauschal „Material zur Herstellung des Pappmaschee-Fisches“ genannt, um dann aber„digitale Kamera, Computer, Programme zur Sound- und Bildbearbeitung (Audacity + irfanview, beides freeware) und Kopfhörer mit Mikrofon“ aufzuführen. Erstaunlich technikfixiert für Erstklässler. Nimmt man die vorauszusetzenden, fachlichen Kompetenzen (Umgang mit der Kamera, Umgang mit dem Internet, Umgang mit dem Mikrofon, Umgang mit Pappmaschee) dazu und schaut sich die angestrebten Kompetenzen an (einen Arbeitsvorgang beschreiben, deutliches Sprechen, Lesekompetenz verbessern, kreative Gestaltung eines Gegenstandes), merkt man schnell, dass das Basteln eines Fischs aus Pappmaschee – für sich genommen ein ideales Gestaltungsthema für Erstklässler, um sie mit haptischen Materialien, Farben und Formen experimentieren zu lassen ­und maritime Lebensräumen zu thematisieren – hier nur zum Heranführen an Rechner und Software missbraucht wird. De facto sind Projekt und Beschreibung der pädagogische Offenbarungseid. Es kommt nicht auf das Tun an, sondern auf die Präsentation im Netz. Willkommen in der Brave New World der Daten-Ökonomie. Welcome in Google Town und Facebook Country.

Lernverhinderung durch Medientechnik

Die Engführung der aktuellen Medienpädagogik auf Digitaltechnik behindert vor allem den kindlichen Werkentstehungsprozess als eigenständige, sinnliche Qualität. Wer Menschen im Gestaltungsprozess durch schrittweise Dokumentationspflichten unterbricht, zerstört sowohl die Konzentrationsfähigkeit wie das „bei sich sein im Tun“. Dieser Zustand der Selbstvergessenheit beim Arbeiten oder Spielen heißt „auto-telisch“ (griech. für Selbst und Ziel) und ist als Seinsqualität ein entscheidender Teil der Poiesis, dem schöpferischen Hervorbringen von Werken. In der Kreativitätsforschung wird das heute mit dem Begriff „flow“ (Mihaly Csikszentmihalyi) umschrieben und ist, wie das bildnerische Gestalten, ein nichtsprachlicher Prozess. Wer das Gestalten durch Dokumentationsaufgaben unterbricht, entwertet Prozess wie Ergebnis. Nicht Prozess und modellierter Fisch stehen im Mittelpunkt, sondern die Dokumentation.

Diese Instrumentalisierung der gestalterischen Fächer bei gleichzeitiger Entwertung der entstehenden Inhalte ist beabsichtigt. Der schöpferische Akt soll nicht mehr als eigene Qualität erfahren, sondern für MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) ausgebeutet werden. Aus MINT wird MINKT. Das „K“ steht verallgemeinernd für Kunst und soll individuelle Potentiale wie Kreativität, Neugier, Spieltrieb und Schöpfungskraft instrumentalisieren. Es ist eine Adaption des US-amerikanischen STEM (Science, Technology, Engineering, Mathematics), das aus gleichem Grund zu STEAM geworden ist. Nach den Vorstellungen der amerikanischen STEAM-Propagandistin Hedda Sharapan würde die Integration der Künste „…den Vorschulkindern die Chance bieten, MINT-Konzepte auf innovative und bildliche Weise darzustellen, ihre eigenen Gedanken zur Welt über Musik und Tanz zum Ausdruck zu bringen, Vorstellungen über Zeichnungen, Anfertigung von Modellen oder Grafiken zu illustrieren oder mit anderen in einer deskriptiven Sprache darüber zu kommunizieren.“ In Deutschland wird das Konzept der Funktionalisierung der Künste von didacta-Chef Fthenakis propagiert, ebenfalls ab der KITA. (4)

Wie beim Pappmascheefisch als Beispiel wird das bildnerische Gestalten systematisch fach- und sachfremd verzweckt. Statt Entfaltung schöpferischer, nonverbaler und sinnlicher Potentiale und dem Ausleben von Spieltrieb, Neugier und Experimentierfreude dienen künstlerische Fächer nurmehr zur Visualisierung und Heranführung an MINT-Fächer.

Die Beispiele zeigen, dass die Kombination von Digitaltechnik und Verzweckung von Unterrichtsinhalten bereits in der Grundschule bzw. Kita die Lernleistungen weiter schwächen werden, weil das sinnlich-gestalterische Arbeiten als notwendiges Regulativ und Gegengewicht zu eher kognitiven Fächern utilitaristisch missbraucht statt als eigenständige Qualität und Selbstzweck gefördert wird.

Kinder sitzen heute immer früher an Bildschirmen. Notwendig wäre daher, in Kitas und (Grund)Schulen ein konstruktives Gegengewicht aufzubauen durch die systematische Verstärkung von sinnlich-motorischen Aktivitäten im Unterricht (Basteln, Malen, Zeichnen, Musizieren) und Sport. Verstärkt werden müssen das Lesen und Schreiben mit der Hand, um dem Verflachen der sinnlichen Welt auf eine Scheibe entgegenzuwirken und Kinder in der realen Welt zu verankern. Dabei ließe sich die Vielfalt der Medien, analog wie digital, altersgerecht und sinnvoll integrieren, wenn es um die Kinder und ihr Lernen ginge. Aber die Frage „nach Sinn oder Unsinn der Digitalisierung von Grundschulen“ stellt sich ja durch den „Landesauftrag Medienbildung“ nicht mehr, der auch von manchen Pädagoginnen und Pädagogen als Digitalisierungsauftrag (miss)verstanden wird.

Ralf Lankau

Quellen

1) Bildungsplan Baden-Württemberg (2016): http://www.bildungsplaene-bw.de/,Lde/Startseite/BP2016BW_ALLG/BP2016BW_ALLG_LP_MB (22.7.2019)
2) Landesbildungserver Baden-Württemberg: https://www.schule-bw.de/faecher-und-schularten/schularten/grundschule/projekte-medienbildung/modellschulen
3) Beispiel Pappmascheefisch: https://www.schule-bw.de/faecher-und-schularten/schularten/grundschule/projekte-medienbildung/modellschulen/fisch
4) Meine KiTa 3-2018, S. 4 – 7, hier zit. n. Niedersächs. Institut für frühkindliche Bildung: https://www.nifbe.de/component/themensammlung?view=item&id=803:aus-mint-wird-minkt&catid=283

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