Veröffentlicht am 19.11.19

Bildungszertrümmerung

Hans-Jürgen Bandelt, Mitglied der Gesellschaft für Bildung und Wissen, hat sich in den letzten Jahren mit den Wirkungen der Kompetenzorientierung auf den schulischen Unterricht in Mathematik auseinandergesetzt. In seinem Beitrag für den Condorcet-Blog stellt er die Transformation des Bildungssystems in einen größeren Rahmen. (Erstpublikation in: Condorcet „Bildungszertrümmerung“)

Neoliberalismus ist Macht des Finanzkapitals plus Digitalisierung aller Lebensbereiche

Das Bildungssystem eines Landes ist immer hegemonial bestimmt und nicht etwa durch die ureigensten Bedürfnisse der Bevölkerung. Nach jeder Revolution wird das Bildungssystem mehr oder weniger umgestaltet – eventuell mit einer gewissen Zeitverzögerung, die unter Umständen bis zur Vollendung mehr als eine Generation in Anspruch nehmen kann. Aber wo war da dieser Jahre eine Revolution in deutschsprachigen Landen? Nun, es gab eine schleichende, fast klandestine Konterrevolution [1]: Aus der Sozialen Marktwirtschaft des Nachkriegskapitalismus wurde die Asoziale Finanzwirtschaft des Neoliberalismus. Der kräftigste Umgestaltungsschub erfolgte durch das sozialdemokratisch-grüne Kabinett Schröder II in Deutschland. Ein Jahrfünft danach war im Anschluß Österreich dran und ein weiteres Jahrfünft später die Schweiz, wo der Umbau wegen der kantonalen Hemmnisse (als „Kantönligeist“ diffamiert) schleppender erfolgte, aber dafür unter Einsatz massivster Propaganda zum Lehrplan 21 dann mit größerer Wucht.

Der Neoliberalismus hat sich in Deutschland sozusagen auf der Hinterbühne bereits seit Mitte der 70er Jahre eingerichtet [2]. Inzwischen ist er auf der Vorderbühne angekommen, und der Vorhang vor BlackRock und Konsorten ist etwas gelüftet: Die prekäre Situation auf dem fast schon finanzmonopolisierten Wohnungsmarkt (Stichwort: Berlin) hat so manchem Bürger die Augen geöffnet. Der Blick auf die Bildung bleibt jedoch nachhaltig getrübt, da die Mainstreammedien landauf, landab seit Jahren nur die Verkündungen der Bertelsmann Stiftung oder der PISA-Auguren wiederkäuen. Die politische Linke scheint kollektiv an einer Art Katarakt zu leiden, denn ohne klaren Blick auf die stattgefundene Bildungstransformation durch Standardisierung und Kompetenzorientierung kennt sie nur die Desiderata „Chancengleichheit“ (eine neoliberale Vokabel in aller Munden) und „Mehr Geld für Bildung“ (ein Mantra der GEW). Aber mehr Geld gibt’s nicht: An Bildung soll sogar noch leicht gespart werden.

Die Bildungslandschaft in Deutschland wird mit voller Absicht zerschlagen, um einer Lobby aus „Bildungs“-industrie, gekauften Didaktikern und Pädagogen und privaten Investoren die Tür zu öffnen“ [3]

Planvoll wurde bereits in der Grundschule die Deckelung der Lese-, Schreib- und Rechenfertigkeit durch mehrere Maßnahmen nachhaltig vollzogen. Die seinerzeit verordnete Neue Rechtschreibung torpedierte die tradierte Orthographie und setzte für Lesetexte eine scharfe Zäsur zur älteren Literatur. Die unzureichend getestete „Vereinfachte Ausgangsschrift“ gleicht mit ihrer mittigen Bindung eher einer Computerschrift und behindert flüssiges Schreiben [4]. Und das anfängliche Praktizieren des Druckbuchstabenmalens führt mancherorts zu einer bis zu einjährigen Verzögerung des Lernens einer verbundenen Schrift. Die Grundrechenarten werden nicht mehr in vollem Umfang unterrichtet (etwa der Divisionsalgorithmus) und nicht ausreichend geübt – frei nach der Devise ‚Die müssen nicht mehr rechnen, die haben später ja einen Taschenrechner‘.

Die Standardisierung und das PISA-Testen waren der erste Streich. Der zweite Streich ein Jahrzehnt später betraf die Torpedierung des „lehrerzentrierten“ Unterrichts. Der dritte Streich steht bevor und wird die vorgebliche Rettung durch standardisierte Lernpakete in der digitalisierten Schule exekutieren, mit denen dann die Grundschüler der neuen Jahrgänge unter Testbedingungen besser abschneiden werden als die noch von echten Lehrern unterrichteten früheren Jahrgänge unter jetzigen unzumutbaren Bedingungen.

Jetzt muß nur noch das entspechend angelernte Personal, das weder eine Lehrer- noch Sozialarbeiterausbildung durchlaufen hat, in die Grundschulen geflutet werden. Mit präzisem Timing hat die Bertelsmann Stiftung verkündet, daß in Deutschland im Jahre 2025 Tausende von Grundschullehrkräften fehlen werden. Jetzt schreiben wir das Jahr 2019, d.h. daß diejenigen, die jetzt ihr Lehramtsstudium beginnen, nicht mehr die entsetzliche Bedarfslücke füllen können. Um die geplanten Transformationen ohne Gegenwehr durchzuziehen, wird also zur bewährten Schocktherapie gegriffen.

Gerade rot-grüne Regierungen setzen sowohl die „Neue Lernkultur“ als auch die Vorgaben der OECD besonderes konsequent durch [5]

Was den ersten Streich betrifft, spiegeln die Aufgaben der Neuen Lernkultur des bundesdeutschen IQBs und des österreichischen BIFIEs , die mutmaßlich den Kompetenzstand von Achtklässlern in Mathematik oder Physik abtesten sollen, den absurden Paradigmenwechsel wider. Die Aufgaben haben oftmals nur nominal mit Begriffen zu tun, die in einem Fachunterricht vorkommen könnten, aber in Wirklichkeit nur Alltagsroutinen den Grundschulkindern abverlangen. Die Buchhaltung mit hochtrabenden Leitideen und allgemeinen Kompetenzen zeigt sich dort in ihrer ganzen Lächerlichkeit: Das bloße Ablesen der Temperatur an einem analogen Thermometer gilt in Deutschland als Kompetenzerwerb in Mathematik und in Österreich in Physik [6]. Anderes Beispiel: Das Ablesen der Länge eines Balken an der Koordinatenachse in einem Balkendiagram wird der Leitidee ‚Zahl‘ zugeordnet, jedoch wenn aus einem halben Dutzend Balken der längste abgelesen werden soll, handelt es sich auf einmal um die Leitidee ‚Daten und Zufall‘. Leiten tut da in Wirklichkeit rein gar nichts.

Im Deutsch- und Englischunterricht nimmt das Abtesten von angeblichem Textverständnis dilettantische bis makabre Züge an, wie Felix Schmutz aufzeigte [7]. An den Abitur-/Maturaprüfungen wird überdeutlich, daß es vorwiegend um Textverarbeitung in unterschiedlichen Formen geht und die Fächer bis zur Unkenntlichkeit dabei verstümmelt sind [8]. In diesem Sinne kann man die neuen PISA-Hauptfächer der Schule wie folgt kennzeichnen: Mathematik = Textverarbeitung mit vielen Zahlen, sowie Deutsch (bzw. Englisch) = Textverarbeitung mit wenigen Zahlen. Die Nebenfächer sind aufs Nebengleis gerückt und eingeschmolzen in sogenannte Fächerverbünde, die zum Teil „epochal“ unterrichtet werden.

Was den zweiten Streich betrifft, so betraf er direkt die Rolle des Lehrers, dessen „Epiphanie“ nun endgültig verschwindet [9]. Das Verdammen eines lehrerzentrierten Unterrichts und das Preisen von Heterogenität der Lerngruppen, hat den Klassenunterricht in Richtung Kleingruppenarbeit und individualisiertem Lernen verschoben. Schließlich hat die Keule der totalen Inklusion, radikaler als man sie sich je vorstellen konnte, traditionelle Formen des Unterrichtens verunmöglicht. „Unter dem Schlagwort Inklusion soll ein jahrzehntelang gewachsenes ausdifferenziertes Fördersystem für langzeitig physisch und psychisch beeinträchtigte Kinder und Jugendliche kostensparend zerstört werden“ [10]. Mit der notorischen personellen Unterbesetzung ist der Lehrer vollends zum Arbeitsblätter verteilenden Lerncoach und Inklusionsbegleiter mutiert.

Schule ist nicht mehr Ort humaner Bildung, sondern Trainingsanstalt für künftiges Humankapital

Digitalisierung ist der ultimative Schlag, der unser althergebrachtes Bildungssystem vollends zertrümmert: „Statt Unterricht im Sozialverband der Klasse arbeiten Kinder und Jugendliche dann alleine an ihren Lernstationen“ [11]. Die Vereinzelung ist ganz im Sinne des Neoliberalismus: Jeder soll auf sich zurückgeworfen seinen persönlichen Lernvertrag erfüllen und sein Portfolio pflegen – zwecks Mehrung seines Humankapitals. Das Selbst ist im Panspectron des digital gesteuerten Lernateliers der inneren Tyrannei seines fremdbestimmten Selbst ausgeliefert.

Braunschweig, Oktober 2019

[1] PROKLA Editorial: Neoliberale Konterrevolution – Die neue amerikanische Herausforderung auf dem Weltmarkt?. PROKLA. Zeitschrift für Kritische Sozialwissenschaft, 11(44), 1-3 (1981). https://doi.org/10.32387/prokla.v11i44.1543

[2] Sebastian Müller: Der Anbruch des Neoliberalismus. Promedia Verlag, 2016/2017

[3] Thomas Sonar: Endlich sagt es einer offen. Kundenrezension von „Ware Bildung: Schule und Universität unter dem Diktat der Ökonomie“ (J. Krautz), 2009. https://www.amazon.de/Ware-Bildung-Schule-Universit%C3%A4t-%C3%96konomie/dp/3720530159

[4] Maria-Anna Schulze Brüning & Stephan Clauss: Wer nicht schreibt, bleibt dumm. Piper, 2017

[5] Jochen Krautz: Neoliberaler Ökologismus. „Markt“ und „Natur“ als Steuerungsparadigmen der „Neuen Lernkultur“. In: Bildung im Widerstand. Festschrift für Ursula Frost (M. Burchardt & R. Molzberger, Hrsg.). Königshausen & Neumann 2017, S. 121-146

[6] Hans-Jürgen Bandelt: Entfachlichung durch Kompetenzorientierung. Mitteilungen Math. Ges. Hamburg 36, 103-130 (2016)

[7] https://condorcet.ch/2019/06/kompetenzen-standards-alles-klar/, https://condorcet.ch/2019/06/2-teil-kompetenzen-standards-alles-klar/

[8] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/forschung-und-lehre/streit-um-das-mathe-abitur-in-niedersachsen-14256230.html

[9] Alfred Schirlbauer: Vom Verschwinden des Lehrers und seiner Epiphanie. In: Ders.: Die Moralpredigt. Sonderzahl, 2005, S. 40-58

[10] https://www.thueringen.freidenker.org/index.php/kreisverbaende/kv-jena/texte/inklusion-der-letzte-schwere-schlag-gegen-das-staatliche-schulwesen/

[11] https://condorcet.ch/2019/09/digitalpakt-schule-potemkinsche-doerfer-der-deutschen-bildungspolitik-oder-technikglaeubigkeit-als-paedagogischer-offenbarungseid/

Zu den Autoren: