Veröffentlicht am 02.06.14 |

Was, wenn nicht Bildung im Medium der Wissenschaft für den Beruf?

Hoffnungslose, aber notwendige Hinweise zur fortlaufenden Reform unserer Universitäten.

Für Aufsehen (unter den Lesern der FAZ) sorgte vor einiger Zeit der Mainzer Professor für Katholische Theologie Marius Reiser, als er seinen staatlichen Dienstherrn um Entlassung aus dem Amt des Professors bat. Er hatte die Nase voll und wollte nicht mehr tun, was nach der Bologna-Reform auch seine Praxis erreicht hatte: die Veränderung des wissenschaftlichen Charakters des Studiums in einen schlechten schulischen Anpassungs- und Lerndrill. Statt einer Hingabe an die Sache und der Aufforderung, zu ihr ein persönliches Verhältnis zu gewinnen, würden Lehrende wie Studierende durch ein ins Absurde führendes System sachfremder Regelungen vom Studieren abgehalten. Der Dienstherr weigerte sich zu reagieren, der Professor war wild entschlossen, auf die Privilegien einer gut dotierten Hochschullehrerstelle zu verzichten.

Reiser hatte in der Begründung seiner Entscheidung einmal mehr aufgeschrieben, was als Lesart der Reformwirkung in den Universitäten weit verbreitet ist. In der Tat lässt sich mit der Modularisierung der Studienformate und ihrer Staffelung in einen Bachelor-Abschluss und einen Master-Abschluss vor allem ein numerisches Eintreiben von „credit points“ beobachten, hinter denen ein inhaltlicher Sinn des Studienangebots fast völlig verschwindet. Die Planer haben die Gesamt-Arbeitszeit des Studierenden in „workloads“ portioniert und bis an die Grenze des Zumutbaren für ihn bereits verplant. Das daraus folgende Zeitmanagement der Studierenden macht es für diese gefährlich, irgendwelchen subjektiven Studieninteressen intensiver zu folgen. Das führt bis zu dem Punkt, dass Bücher in und für Seminare nicht mehr gelesen werden, weil das den mit einer Übung vorab verbundenen „workload“ von 30 Anwesenheitsplus 20 Nachbereitungsstunden plus 10 Stunden für die Prüfungsleistung sprengen würde. Jede Handlung des Studierenden wird als Teil von Prüfungsleistungen getestet und verbucht. Das Examen ist nicht ein Mittel zum Zweck der Überprüfung der Studienwirkungen und -leistungen, sondern ist das studienbegleitende Ziel der gesamten Veranstaltung, dem etwas Studieren als stoffbildendes Mittel untergeordnet wird. Der Dozent wird zum Sachbearbeiter seines eigenen Prüfungsamtes, denn er muss alles juristisch wasserfest dokumentieren, was die Studierenden bei ihm getan haben. Sich in diese voller Fallstricke steckenden Strukturen einzuarbeiten, absorbiert nicht selten den Großteil der Aufmerksamkeit der Studierenden und lenkt ab von möglichen Fragen nach der Ausrichtung des Studiums. Die erste, die Bachelor-Phase, soll so gestaltet sein, dass sie möglichst viele Abgänger in Berufe produziert, der Zweck der akademischen Lehre ist die Herstellung möglichst „exzellenter“ „Employability“. Jeder Fachbereich erfindet dergleichen Abschlüsse als Beschwörungsformeln auf die eigene Weise, lässt sich die von externen Kollegen akkreditieren und erlebt danach sein blaues Wunder. Angesichts der vollmundigen Versprechen der Bologna-Manager ist die Fallhöhe entsprechend hoch. Wer durch das Land zieht, wird selten bei der Suche nach solchen Einführungen der neuen Struktur fündig, die einen Fortschritt ausweisen gegenüber der in vielen Fächern vordem bestehenden Verwahrlosung des Studiums unter dem Mäntelchen der akademischen Freiheit.

Den ganzen Beitrag als pdf: A. Gruschka:_Was_wenn_nicht_Bildung

Zu den Autoren:

Gruschka, Andreas

Prof. Dr. - Goethe Universität Frankfurt, Erziehungswissenschaften