«Selektieren», «Aussortieren» – wenn Sprache Bildungspolitik macht

In der Schweizer Bildungsdebatte zeigt sich, wie schnell ein Urteil schon im Wort stecken kann. Wer Schülerinnen und Schüler «aussortiert» oder «selektiert», beschreibt nicht einfach einen bildungspolitischen Vorgang. Er gibt ihm bereits eine Bedeutung – und lenkt damit, bewusst oder unbewusst, den Blick des Lesers.

Carl Bossard

Es beginnt mit einem Wort. Und manchmal steckt darin schon ein Urteil. «Schweiz sortiert Schulkinder so früh aus wie kaum ein Land», titelte der Zürcher «Tages-Anzeiger» Mitte Juli. Auf der nächsten Seite war von «Selektieren» und «Aussortieren» die Rede. Mich hat diese Wortwahl irritiert. Nicht, weil ich eine Form der Leistungsdifferenzierung verteidigen möchte. Sondern weil hier ein Begriff den Sachverhalt bereits beurteilt, bevor die Argumente ausgetauscht sind.

Wenn das Wort schon urteilt
Aussortiert werden Ausschusswaren, verdorbene Lebensmittel oder Dinge, die man nicht mehr braucht. Bei Kindern erzeugt das Wort ein anderes Bild: Einige werden ausgewählt, andere ausgeschieden. Schülerinnen und Schüler werden unterschiedlichen Bildungswegen und Leistungsniveaus zugeteilt. Ob diese Gliederung zu früh erfolgt, soziale Ungleichheiten verstärkt und wie durchlässig die Wege sind – darüber lässt sich streiten. Aber die Debatte sollte mit einer präzisen Beschreibung beginnen – nicht mit einem Bild, das den Sachverhalt bereits wertet.

Die Macht des sprachlichen Rahmens
Genau hier zeigt sich die Macht der Sprache. Wörter sind oft nicht neutrale Etiketten, die wir der Wirklichkeit ankleben. Sie lenken den Blick auf bestimmte Seiten eines Sachverhalts und lassen andere zurücktreten. Wer von «Aussortieren» spricht, ruft Vorstellungen von Ausschuss und Entsorgen auf. Die Metapher beschreibt nicht bloss einen Vorgang. Sie gibt ihm bereits einen Sinn.

Die Forschung zum Framing zeigt, dass solche sprachlichen Rahmungen die politische und gesellschaftliche Wahrnehmung beeinflussen können. Dabei lassen sich ein Deutungsrahmen und ein Wertungsrahmen unterscheiden. Ein Deutungsrahmen lenkt den Blick auf einen bestimmten Gesichtspunkt und macht ihn besonders sichtbar. Ein Wertungsrahmen geht weiter. Er legt nahe, wie wir das Gesehene beurteilen sollen. In ‹Aussortieren› zeigt sich beides zugleich.

Das kann bewusst geschehen, oft geschieht es beiläufig. Gerade dann ist es für eine demokratische Öffentlichkeit bedeutsam, weil solche Rahmungen unbemerkt wirken. Denn wer die Begriffe setzt, setzt auch einen Teil der Debatte.

Wörter tragen Geschichte mit
Auch der Begriff «Selektion» trägt historische Konnotationen. In der Bildungsforschung ist er ein etablierter Fachbegriff. Im Zusammenhang mit Auschwitz erinnert er zugleich an jene Auswahlen, die über das Schicksal der Deportierten entschieden. Das Auschwitz-Birkenau-Museum bezeichnet sie ausdrücklich als «selection». Das macht den heutigen Gebrauch nicht unzulässig. Aber es zeigt, dass Wörter Bedeutungen und Erinnerungen mitführen können, die über ihre Absicht hinausreichen.

Es geht nicht um eine Gleichsetzung schulischer Differenzierung mit nationalsozialistischer Vernichtungspolitik. Entscheidend ist vielmehr: wahrzunehmen, was ein Wort auslösen kann. Wer öffentlich schreibt, sollte nicht nur fragen, ob ein Begriff sachlich zutrifft, sondern auch, welche Bilder, Wertungen und Erinnerungen er aufruft.

Politische Begriffe sind nie ganz neutral
Das Problem reicht über die Bildungsdebatte hinaus. Politische Diskussionen sind voller Wörter, die mehr tun als benennen. Menschen werden «abgehängt», «privilegiert» oder «ausgegrenzt»; andere «entlastet», «aktiviert» oder «integriert». Solche Begriffe können berechtigt sein, tragen aber Perspektiven in sich. Ein «Steuerprivileg» klingt anders als eine «Steuervergünstigung», ein «Abbau» anders als eine «Reform».

Zuerst benennen, dann beurteilen
Das bedeutet nicht, dass Sprache steril oder vollkommen wertungsfrei sein müsste. Das wäre eine Illusion. Jeder Autor schreibt aus einer Perspektive. Gerade deshalb braucht der öffentliche Diskurs begriffliche Redlichkeit. Wo eine Wertung gemeint ist, sollte sie als solche erkennbar sein – und nicht unbemerkt in einem scheinbar beschreibenden Wort stecken. Vielleicht liegt darin eine einfache journalistische Tugend: zuerst benennen, dann beurteilen.

Ein Sachverhalt sollte so beschrieben werden, dass auch jemand, der zu einem anderen Urteil kommt, die Beschreibung als fair anerkennen kann. Erst danach beginnt der eigentliche Streit. Dann kann man darüber diskutieren, ob frühe Leistungsdifferenzierung sinnvoll ist, ob sie Talente fördert oder Chancen verbaut, ob sie zu früh kommt oder ob unterschiedliche Bildungswege ein Ausdruck von Gerechtigkeit sind.

Präzision schafft Freiheit
Das verlangt keine farblose Sprache. Im Gegenteil: Präzise Sprache kann die lebendigere Sprache sein, weil sie dem Leser nicht vorschreibt, was er denken soll. Sie eröffnet ihm den Raum, selbst zu urteilen.

Sprachliche Sorgfalt ist deshalb keine Nebensache. Sie ist eine Form des Respekts: gegenüber der Wirklichkeit, den Betroffenen und den Leserinnen und Lesern, denen man ein eigenes Urteil zutraut.

Denn manchmal fällt das Urteil schon mit dem Wort.