Veröffentlicht am 29.06.18

Chancen und Gefahren sozialer Netzwerke im Unterricht

Round Table „Social Net(work)s in Education and Language Sciences“, 15 Juni 2018, PH Heidelberg. Von Cord Santelmann, Referent für IT/Medien im Philologenverband Baden-Württemberg PhV BW

Englische Version:
Chances and dangers of social networks in educational contexts

1. Die Zukunft ist digital

Die öffentliche Meinung ist sich einig: Unsere Zukunft ist digital. Die Welt und unser Leben werden von digitaler Software, digitalen Geräten, digitalen Medien, der Digitalwirtschaft und digitalen Algorithmen bestimmt werden. Und natürlich von digitalen sozialen Netzwerken. Deshalb wird unterstellt, dass Bildung selbstverständlich auch “digital” sein muss und sein wird, und dass in der Bildung digitale Geräte, Medien (und nicht zuletzt soziale Netzwerke) eingesetzt werden müssen.

2. Digitale Bildung ist besser

Es wird vermutet, dass digitale Bildung sogar viel besser als herkömmliche Bildung sein werde: Mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Lernsoftware werde auf die individuellen Bedürfnisse jedes einzelnen Schülers zugeschnittene Aufgaben generieren. Das Lernen am Tablet-Computer werde Spaß machen, visuelle Medien den Lernprozess maximal verbessern. Außerdem ärgere sich Lernsoftware nie über Schüler und sei unendlich geduldig. Sie sei immer und überall im Internet und auf Tablets oder Smartphones verfügbar. Und sie veralte nie, da Updates in Echtzeit über das Netz eingespielt würden. Die Rolle des Lehrers werde sich zu der eines Lernbegleiters wandeln, der die Schüler auf ihrer mehr oder weniger autonomen Lernreise begleitet.

3. Soziale Netzwerke bieten viele neuen Möglichkeiten für den Bildungsbereich

Könnten soziale Netzwerke die Kommunikation im Bildungsbereich nicht tatsächlich revolutionieren? Weshalb sollte man dort nicht Instagram nutzen, um Lernprojekte zu präsentieren und sich darüber auszutauschen? Könnte der Fremdsprachenunterricht nicht Facebook und Twitter nutzen, wenn deutsche Schüler mit ihren französischen Austauschpartnern kommunizieren? Wie schnell und einfach könnte die Kommunikation zwischen Lehrern, Schülern und Eltern sein, wenn nur alle endlich WhatsApp auf ihren Smartphones nutzen würden?

4. Soziale Netzwerke müssen bei der Vermittlung von Medienkompetenz eingesetzt werden

Natürlich führen soziale Netzwerke zu Problemen im Bereich Datenschutz, Urheberrecht, Mediensucht, Fake News, Cybermobbing usw. Aber müssen soziale Netzwerke nicht Teil der Bildung sein, damit ihr verantwortungsvoller und intelligenter Gebrauch vermittelt wird? „Learning by doing“ bedeutet, dass die Nutzung sozialer Netzwerke im Unterricht für die Vermittlung von Medienkompetenz unerlässlich scheint.

5. Smartphones als ideale Geräte für Unterrichtszwecke

Laptop-Klassen sind hauptsächlich deswegen gescheitert, weil die Geräte zu teuer waren. Smartphones sind schon da, fast jeder Schüler in weiterführenden Schulen hat eines, deshalb müssen Schulen keine anschaffen. „Bring Your Own Device“ scheint die ideale Lösung für die Einführung digitaler Medien im Klassenzimmer.

6. Stop! Besinnen wir uns darauf, worum es bei Bildung eigentlich geht

Bevor wir den eventuellen Nutzen der Digitalisierung diskutieren, sollten wir kurz über das Wesen von Bildung nachdenken. Bildung ist nicht „digital“. Niemand lernt „digital“.1 Das menschliche Gehirn arbeitet nicht mit Bits und Bytes, es ist keine Festplatte, die mit Informationen beschrieben werden kann. Lernen hat mit Menschen zu tun, mit Lehrern und Schülern. Lehrer interagieren mit Schülern, um ihnen dabei zu helfen, sich auf Probleme zu konzentrieren, zu lernen, Wissen zu erwerben und eine freie und verantwortungsvolle Persönlichkeit zu entwickeln. Lernen und Bildung sind soziale Prozesse. Bevor wir diese Prozesse durch die Nutzung digitaler Geräte und sozialer Netzwerke revolutionieren müssen wir uns vergewissern, dass diese Revolution hilfreich sein wird. Es gibt, wie wir sehen werden, durchaus Gründe daran zu zweifeln.

7. Lernen ist mehr als das Recherchieren von Informationen in einer digitalen Welt

Lernen besteht nicht nur aus der Beschaffung von Informationen zu einem Thema. Wenn dem so wäre, wären Schulen überflüssig, da es genügen würde zu wissen, wie man googelt. Wissen ist mehr als Information. Wissen ist die Bewertung von Information, die Zuordnung von Bedeutung zu Informationen. Um etwas zu wissen, muss man Fragen beantworten können wie: Welche Information ist richtig, welche falsch? Was ist wichtig, was irrelevant? Was ist Tatsache, was Meinung? Was ist gut oder schlecht für mich, für die Gesellschaft, für die Menschheit? Was sind die Folgen von, oder die Alternativen zu bestimmten Situationen? Lernen bedeutet, durch die Aneignung von Wissen Probleme und Konflikte lösen zu können.

8. Die zentrale Bedeutung der Lehrerrolle im Bildungsprozess

Jeder Lehrer hat es schon immer gewusst, aber John Hatties Studie „Visible learning“ hat es endgültig bestätigt: Die Lehrerrolle ist von zentraler Bedeutung für den Bildungsprozess.2 Der Lehrer verkörpert die Lernziele: Seine Begeisterung für den Lerngegenstand begeistert im Idealfall – oder motiviert zumindest – die Schüler, seine Professionalität sichert den Lernfortschritt. Die Lehrerrolle kann nicht an Maschinen delegiert werden, an Tablet-Computer und Lernsoftware. Die Degradierung der Lehrkräfte zu Lernbegleitern oder einer Art Wartungspersonal für digitale Geräte gefährdet das Lernen und die Bildung.

9. Bildung ist mehr als das „Fit-Machen“ für eine digitale Zukunft

Bildung bedeutet mehr als nur Wissensvermittlung. Bildung soll Schüler befähigen, eine intelligente und verantwortungsvolle Persönlichkeit zu entwickeln, sie soll das Wissen und die Fähigkeiten vermitteln, die ein gelingendes Leben in der Gesellschaft ermöglichen. Die zwischenmenschlichen Beziehungen und Rollenmodelle im Klassenzimmer sind Grundlage dieser Bildung. Schüler können keine sozialen Kompetenzen erwerben, wenn sie sich hauptsächlich mit Bildschirmen, Lernsoftware und sozialen Netzwerken beschäftigen. Sie brauchen die direkte zwischenmenschliche Interaktion mit ihren Mitschülern und der Lehrperson.

10. Digitalisierung droht die Bildung zu entmenschlichen

Wenn zwischenmenschliche Beziehungen im Zentrum von Bildung stehen, können digitale Geräte oder Medien nur ein gelegentliches Hilfsmittel, nicht aber die Basis von Bildung sein. Schüler können keine verantwortungsvolle und freie Persönlichkeit entwickeln, wenn sie sich hauptsächlich mit Bildschirmen anstelle von Menschen beschäftigen. Bildschirme prägen schon einen Großteil der Freizeit der Jugendlichen außerhalb der Schule, deshalb ist es alles andere als notwendig, für noch mehr Bildschirmbeschäftigung zu sorgen, indem digitale Medien in das Zentrum der Bildung gestellt werden.

11. Soziale Netzwerke werfen ungelöste juristische Probleme auf

Die Nutzung sozialer Netzwerke in Bildungseinrichtungen stößt auf juristische Hindernisse. Soziale Netzwerke, die auf außer-europäischen Servern laufen, schützen personenbezogene Daten nicht gemäß deutscher Datenschutzgesetzgebung. Aus diesem Grund ist die schulische Nutzung aller wichtigen sozialen Netzwerke, z. B. Facebook, Instagram, Twitter, WhatsApp usw., gemäß der baden-württembergischen Vorschriften strikt verboten. Diese sozialen Netzwerke dürfen im Unterricht nur zu Demonstrationszwecken eingesetzt werden, d. h. um ihre Funktionen, Möglichkeiten und Risiken zu erläutern.3 Facebooks verstörenden Datenskandale, bei denen Millionen persönlicher Profile missbraucht wurden, haben erst kürzlich die Sicherheitsprobleme verdeutlicht. Die Gefahr der Urheberrechtsverletzung ist eine ständige Begleiterin von Lehrkräften, die digitale Medien im Klassenzimmer einsetzen. Die Einführung einer „Bildungscloud“, die Lehrkräften in Baden-Württemberg legalen Zugang zu urheberrechtsfreien Bildungsmedien geboten hätte, ist kürzlich an technischen Problemen gescheitert.

12. Soziale Netzwerke erzeugen Suchtverhalten

Suchtverhalten scheint in großem Maßstab durch die Nutzung sozialer Medien ausgelöst zu werden. In Südkorea gibt es schon Suchtkliniken für internetabhängige Teenager. Statistiken zeigen, dass Jugendliche seit dem Erscheinen von Smartphones und sozialen Netzwerken weniger Zeit mit Freunden verbringen, weniger schlafen und häufiger unter Einsamkeit leiden. Der Suchtcharakter sozialer Medien ist kein Zufall: Entwickler von sozialen Netzwerken und Internetspielen wissen (und geben es zuweilen auch offen zu), dass Sucht Teil ihrer Design-Strategie ist.4 Mediensucht bringt andere Gesundheitsprobleme wie Depression, krankhaftes Übergewicht und womöglich sogar eine höhere Selbstmordrate mit sich.5 Die massive Nutzung digitaler Medien in der Schule zu fordern, um Medienmissbrauch einzudämmen, erscheint als Widerspruch in sich, wie ein Feuerwehrmann, der Benzin zum Löschen anfordert.

13. Soziale Netzwerke verursachen Ablenkung

Untersuchungen zeigen, dass schon die Anwesenheit eines Smartphones die Konzentrationsfähigkeit mindert, selbst wenn es ausgeschaltet ist.6 Ohne Konzentration ist Lernen aber unmöglich. Ohne Konzentration können wir keine Probleme lösen. Wenn Schulen die Nutzung von Smartphones auf dem Schulgelände verbieten, spüren Lehrkräfte und Schüler oft eine Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit, der zwischenmenschlichen Kontakte und des Lernerfolgs. In Deutschland hat Bayern das Smartphone aus den Schulen verbannt, in Frankreich plant Präsident Macron ein Smartphoneverbot an Schulen.

14. Soziale Netzwerke verstärken Mobbing

Gemäß einer Untersuchung leiden allein in Deutschland mehr als eine Million Schüler unter Mobbing über soziale Netzwerke bzw. Cybermobbing.7 Cybermobbing und andere durch soziale Netzwerke hervorgerufene Probleme sind allenthalben Thema von Präventionsprogrammen an deutschen Schulen. Alles in allem scheinen soziale Netzwerke eher ein Hindernis oder sogar eine Gefahr als eine Hilfe für das Erreichen von Bildungszielen darzustellen.

15. Medienkompetenz erwirbt man am besten über herkömmliche wissenszentrierte Bildung

Medienkompetenz wird nicht durch die Nutzung von Google, Facebook oder Twitter erworben. Facebook, Twitter oder andere soziale Netzwerke bieten keine Möglichkeit, Wahrheit von Lüge oder Nachrichten von Fake News zu unterscheiden. Nur eine solide, auf Fakten und Wissen gegründete Bildung bietet das Orientierungswissen, das Schüler in einer digitalen Welt brauchen. Das Ablenkungspotenzial von Smartphones und sozialen Netzwerken steht den meisten Bildungszielen eher entgegen, als das es ihnen dienen würde. Deshalb muss ihre Nutzung im Unterricht begrenzt und wohlüberlegt sein.

16. Digitalisierung und soziale Netwerke – einer von vielen Bildungshypes

Die Bildungsgeschichte seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts ist eine Geschichte gescheiterter technischer Hypes: In den Siebzigerjahren glaubten Fremdsprachenlehrkräfte an hoch entwickelte und teure Sprachlabore, die dann ein oder zwei Jahrzehnte später verschrottet wurden. In den Siebzigern und Achtzigern hielten Film, Fernsehen und Video Einzug in die Klassenzimmer. Aber die anfängliche Hoffnung, dass der massive Einsatz qualitativ hochwertiger Lernvideos quasi von allein die Lernleistungen steigern würde, erfüllte sich nicht. In den Neunzigern schienen Laptopklassen und das Internet als Heiliger Graal der Bildung. Auch sie scheiterten: wegen zu hoher Kosten, zu geringer Bandbreite und bescheidenem Nutzen. Der neue Hype sind Tablet-Computer, Lernsoftware und vielleicht soziale Netzwerke. Man muss kein Prophet sein, um zu wissen: Auch dieser technische Hype wird scheitern. Warum? Weil Lernen und Bildung nicht auf Technik und Geräten beruhen, sondern auf menschlicher Interaktion. Und überhaupt: Wer weiß, ob wir in sagen wir mal fünf Jahren noch über Tablets und Smartphones reden werden? Dann sind vielleicht 3 D-Brillen oder irgend ein anderes Gerät der nächste Hype.

17. Alles hat seine Zeit

Heißt das, dass wir Smartphones und soziale Netzwerke komplett aus dem Klassenzimmer verbannen müssen? Nicht unbedingt. Auch wenn sich die hoch gesteckten Erwartungen, die in andere technische Hypes gesetzt wurden, nicht erfüllt haben, nutzen Lehrkräfte zuweilen immer noch Fernsehen, Videos, Computer oder das Internet in bestimmten Unterrichtssituationen, in denen diese Medien sinnvoll sind und didaktischen Mehrwert bieten. Dies könnte auch für Lernsoftware, Smartphones oder eben soziale Netzwerke gelten.

18. Juristische Voraussetzungen für den Unterrichtseinsatz von sozialen Netzwerken

Bevor soziale Netzwerke im Unterricht eingesetzt werden, müssen die entsprechenden legalen Voraussetzungen geschaffen werden. Eine Möglichkeit könnte darin bestehen, die sozialen Netzwerke gesetzlich wirksam zu regulieren und Facebook, Instagram usw. zu zwingen, die hiesige Datenschutzgesetzgebung zu respektieren. Angesichts der Monopolstellung dieser Firmen ist das allerdings eine ziemliche Herausforderung. Eine andere Möglichkeit wäre, ihre Funktionen auf juristisch einwandfreien schulischen Servern nachzubilden.

19. Beispiele für die unterrichtliche Nutzung sozialer Netzwerke

Ein sinnvolles Beispiel hierfür ist das europäische Projekt eTwinning: Eine Kommunikations- und Kooperationsplattform für Lehrkräfte und ihre Klassen in ganz Europa. 8 eTwinning kann sinnvoll im Fremdsprachenunterricht eingesetzt werden, weil es die datengeschützte Kommunikation von Lehrkräften und Schülern mit ihren Austauschpartnern in einem anderen europäischen Land erlaubt. Schüler können über das Internet in Diskussionsforen, über Blogs, Chats oder Videokonferenzen miteinander arbeiten und kommunizieren. Authentische Kommunikation über digitale Messenger-Dienste kann die Schüler motivieren, den Unterricht bereichern und das Fremdsprachenlernen fördern. Internationale Zusammenarbeit von Schülern in ganz Europa über digitale Plattformen wie eTwinning kann auch die Fähigkeit zur Zusammenarbeit, interkulturelle Kompetenzen und Nationen übergreifende Verständigung vermitteln und auf diese Weise womöglich zu einer besseren Welt beitragen.

20. Schlussfolgerungen

Digitale Medien, Geräte und Lernsoftware können und dürfen herkömmliche Unterrichtsmethoden nicht vollständig ersetzen. Dies gilt nicht zuletzt auch für soziale Netzwerke, da diese ganz besondere Risiken und Nebenwirkungen bergen. Aber die Dosis macht das Gift: In bestimmten, sorgfältig gewählten Unterrichtssituationen können soziale Netzwerke, wie alle anderen herkömmlichen oder digitalen Medien und Geräte auch, einen sinnvollen Betrag zum schulischen Lern- und Bildungsprozess leisten.

1 Vgl. „Ralf Lankau: Kein Mensch lernt digital. Über den sinnvollen Einsatz neuer Medien im Unterricht. Verlagsgruppe Beltz, Weinheim 2017.

2 John Hattie: „Visible Learning“, Routledge, New York 2009.

3 Zum Verbot der Nutzung sozialer Netzwerke in Baden-Württemberg siehe die entsprechende Verordnung des Kultusministeriums: https://it.kultus-bw.de/,Lde/Startseite/IT-Sicherheit/soziale-netzwerke

5 Siehe z. B. den offenen Brief von JANA Partners and CALSTRS an APPLE INC: https://thinkdifferentlyaboutkids.com/index.php?acc=1

6 Vgl. UTNews: „The Mere Presence of Your Smartphone Reduces Brain Power, Study Shows“ https://news.utexas.edu/2017/06/26/the-mere-presence-of-your-smartphone-reduces-brain-power

7 Siehe den Beitrag in der Süddeutschen Zeitung vom 16. Mai 2017: „1,4 Millionen Schülerinnen und Schüler von Cybermobbing betroffen“, http://www.sueddeutsche.de/panorama/jugendliche-im-internet-prozent-der-schueler-sehen-sich-als-opfer-von-cybermobbing-1.3507917

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