Das Trierer Resonanzmodell – Abkehr von mechanistischer Output- und reduktionistischer Kompetenzorientierung
Als im September dieses Jahres turnusmäßig die Ergebnisse der jüngsten PISA-Studie publiziert wurden, konzentrierte sich die Rezeption der Erhebungsdaten i. W. auf das gerade auch im internationalen Vergleich – dies jedenfalls innerhalb der Testlogiken – wenig zufriedenstellende und zudem kontinuierlich weiter rückläufige Abschneiden der Schülerinnen und Schüler in Deutschland sowie die nach wie vor gegebene große Abhängigkeit des Bildungserfolges von der sozialen Herkunft.
Weitgehend aus der Wahrnehmung verschwunden und demzufolge auch kaum mehr in der öffentlichen Diskussion thematisiert scheint hingegen, dass die PISA-Studien als zentrales Lenkungsinstrument zur Umsteuerung des Schul- und Bildungswesen konzipiert wurden. Das als überholt inkriminierte Verständnis von Schule als Ort des Anbahnens und der Ausbildung von (Persönlichkeits-)Bildung in einem umfassenden Sinne sollte in einem Debattenklima, in dem der Neoliberalismus die Diskursführerschaft beanspruchte, einer Neuausrichtung des Bildungswesens weichen. Als dessen wesentliches Ziel wurde nun sein Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg eines Landes proklamiert, der empirische Nachweis des ökonomischen Nutzens der Investitionen in Bildung eingefordert. Aus der Sicht der Apologeten eines Bildungs- oder besser Kompetenzempirismus sowie weiten Teilen der Bildungspolitik bedeutete dies nichts weniger als einen Paradigmenwechsel. Die konstitutiven Merkmale dieses ausgerufenen und administrativ vollzogenen Bruches waren und sind insbesondere die Wende von der vorherrschenden Inputorientierung hin zu einer Fokussierung auf den durch weltweite, standardisierte Massentests mit restriktiven Aufgabenformaten messbaren Output der Bildungsinvestitionen und auf den Primat der Kompetenzvermittlung gegenüber einem als antiquiert kritisierten, inhaltsbasierten und lernzielorientierten Unterricht. Schule und Unterricht sollten ökonomischen Interessen dienenden Lenkungsmechanismen unterworfen werden.
Basierend auf dem Menschenbild des homo oeconomicus, das das Individuum weitgehend auf seine Funktion im Wirtschaftsgeschehen reduziert, bedeutete dieser Umbruch freilich eine bemerkenswerte Verkürzung des staatlichen Bildungsauftrags, dessen Verzweckung dem Bildungswesen eine bis heute nicht abgetragene Hypothek aufgebürdet hat.
Umso erstaunlicher ist es, dass das Staatliche Studienseminar für das Lehramt an Gymnasien Trier in seinen Leitlinien für die Ausbildung künftiger Lehrkräfte eine entschiedene Abkehr vom Paradigmenwechsel im oben kurz umrissenen Sinne vollzogen hat. Es war und ist ein mutiger Entschluss, sich in dieser Weise dezidiert gegen die empiristische Engführung von Schule und Unterricht wie auch bildungspolitische Maßgaben zu positionieren. Dem Paradigmenwechsel jedenfalls attestiert es eine „mechanistische […] Logik von Outputorientierung“ und ein „reduktionistische[s] Verständnis von Kompetenzorientierung“ und setzt dem einen Kompetenzbegriff entgegen, der sich in das favorisierte Verständnis von „Bildung als resonanter Prozess“ in das „Trierer Modell für gelingenden Unterricht“ integrieren lässt.
Das (ohne dies – so weit ich sehe – explizit zu machen) wohl auf Forschungen Hartmut Rosas rekurrierende Trierer Modell enthält für alle, die sich mit Schule und Unterricht befassen, grundlegende Überlegungen und anregende Impulse, die zu eigener Lektüre auffordern.
An dieser Stelle sollen die wenigen, kontrastierenden Zuschreibungen im Model resonanter Bildung lediglich illustrieren, dass seine Art, Unterricht gegenüber der um die Jahrtausendwende verordneten Neuausrichtung (wieder) neu zu denken, mit Recht als eine kategoriale Wende von der Wende bezeichnet werden kann.
So wird der bislang dominanten Kompetenzorientierung der Charakter des Instrumentellen, Verfügens, Aneignens, Reduktionistischen und der einseitigen Ausrichtung auf Operationalisierbarkeit zugeschrieben. In Abgrenzung dazu akzentuiere resonante Bildung – um nur einige Formulierungen des Trierer Studienseminars aufzugreifen – Offenheit, Unverfügbarkeit, die Freiheit und Eigenständigkeit des Subjekts, ein Verständnis von Pädagogik als Ermöglichung, die „Öffnung von Bildungsräumen“, Affizierbarkeit, Anverwandlung von Welt und gelingende Beziehung. Dies als genuine Aufgabe von Schule wieder neu ins Bewusstsein rücken zu müssen, ist ein Hinweis auf die Größe des Verlustes der letzten zweieinhalb Jahrzehnte.
Für die eigene Lektüre an dieser Stelle der Link zum Trierer Modell des Staatlichen Studienseminars für das Lehramt an Gymnasien Trier: https://bildung.rlp.de/studienseminar/studienseminare/gymnasien/trier/seminarprogramm