Schulen sollen junge Menschen selbstständig machen. Doch Bildung beginnt nicht mit dem Loslassen. Selbstständigkeit entsteht nicht allein. Vielleicht liegt genau in diesem Widerspruch eine der grossen pädagogischen Fragen unserer Zeit. Ein resümierender Essay zum Referat «Anspruch und Wirklichkeit des selbstgesteuerten Lernens» auf der Tagung „Die Bildungs-Grätsche – Versprechen und Wirklichkeit der Bildungssteuerung“der GBW, Universität Bonn, 17./18. April 2026
Von Carl Bossard
Wir sprechen heute viel über selbstgesteuertes Lernen, Individualisierung und digitale Lernwelten. Junge Menschen sollen Verantwortung übernehmen, eigene Entscheidungen treffen, Probleme lösen und ihren Weg finden. Das sind berechtigte Ziele. Doch wir stellen dabei gelegentlich die falsche Frage.
- Wir wollen wissen: Wie können Kinder selbstständiger lernen?
- Seltener fragen wir: Woraus wächst Selbstständigkeit überhaupt?
Selbstständigkeit bildet sich nicht aus sich selbst. Sie ist kein Schalter, den man umlegt, und schon gar keine pädagogische Methode. Sie ist ein Entwicklungsziel. Und wie jedes Ziel braucht Selbstständigkeit Voraussetzungen.
Vielleicht liegt genau darin eine der grossen Herausforderungen unserer Zeit: Wir machen Ergebnisse zu Voraussetzungen. Wir verlangen von jungen Menschen, was sich eigentlich erst entwickeln müsste. Bildung beginnt deshalb nicht mit dem Loslassen. Sie beginnt mit Bindung, mit Beziehung. Sie beginnt mit dem Gegenüber.
Bildung lebt von Spannungen
Ein Philosoph wurde einmal gefragt, ob der Mensch von innen heraus lebe oder von aussen herein. Seine Antwort war denkbar knapp: «Ja!» Die Antwort irritiert. Sie verweigert das Entweder-oder. Und gerade darin liegt ihre Stärke. Denn Bildung entsteht selten auf einer Seite allein. Sie entsteht im Zusammenspiel von Gegensätzen:
. zwischen Freiheit und Führung,
. zwischen Individualität und Gemeinschaft,
. zwischen Weltbegegnung und Weltvermittlung.
Wer unterrichtet, kennt diese Spannungen. Wir sollen verständnisvoll zugewandt sein – und zugleich konsequent in der Sache. Wir sollen fördern – und fordern. Wir sollen Freiheit ermöglichen – und gleichzeitig Orientierung geben.
Das sind keine Fehler im System. Das ist das System.
Ein Elektriker weiss: Strom entsteht nicht aus Harmonie, sondern aus Spannung. Aus zwei Polen. Ohne Spannung kein Strom, ohne Spannung kein Licht. Vielleicht gilt etwas Ähnliches für Bildung.
Problematisch wird es dort, wo wir eine Seite absolut setzen. Dann kippt das Gleichgewicht. Aus einem berechtigten Ziel wird ein Heilsversprechen. Aus einem Mittel wird ein Zweck.
Unsere Zeit neigt ohnehin zur Vereindeutigung. Wir wünschen uns klare Ziele, klare Kompetenzen, klare Verfahren und möglichst klare Messbarkeit. Doch pädagogische Prozesse sind nicht technischer Natur. Lernen verläuft nicht linear. Unterrichten bedeutet Handeln unter Bedingungen der Unsicherheit.
Bildung braucht deshalb eine Fähigkeit, die heute fast altmodisch klingt: Ambivalenz auszuhalten. Der Philosoph Hans Blumenberg hat Bildung mit dem Gedanken der «Unverführbarkeit» verbunden: mit der Fähigkeit, sich nicht vorschnell von einfachen Antworten verführen zu lassen. Das ist gerade heute eine zentrale Bildungsaufgabe.
Freiheit braucht Führung
Selbstständigkeit gilt zu Recht als ein grosses Bildungsziel. Junge Menschen sollen denken können, Verantwortung übernehmen und ihren eigenen Weg finden. Doch manchmal behandeln wir Selbstständigkeit nicht mehr als Ziel, sondern bereits als Voraussetzung. Nicht das selbstgesteuerte Lernen ist dabei das Problem. Problematisch wird es dort, wo aus einem Entwicklungsziel eine pädagogische Voraussetzung wird.
Vor Kurzem sass ich in einer Unterrichtsstunde. Schülerinnen und Schüler sollten eine anspruchsvolle Aufgabe selbstständig bearbeiten. Ein Schüler begann, stockte, schaute sich um. Man konnte förmlich sehen, wie er zwischen Nicht-Können und Können stand. Die Lehrerin trat hinzu. Keine lange Erklärung. Kein pädagogisches Feuerwerk. Zwei oder drei gezielte Fragen, ein kleiner Hinweis. Mehr nicht.
Und plötzlich fand der Schüler einen Zugang. Er arbeitete weiter. Konzentriert. Selbstständig. Schliesslich löste er die Aufgabe. Ein unscheinbarer Moment. Und doch zeigt er etwas Grundsätzliches: Selbstständigkeit entsteht selten allein. Sie entsteht im Gegenüber.
Die Lehrerin hat weder übernommen noch einfach losgelassen. Sie hat geführt.
Genau hier liegt der Punkt: Wir stellen Führung und Freiheit gerne gegeneinander. Entweder führen wir – oder wir lassen frei. Das aber ist ein falscher Gegensatz. Freiheit ist kein Anfang. Freiheit ist ein Ergebnis. Sie wächst dort, wo jemand führt, ohne zu bevormunden; wo ein Gegenüber unterstützt, ohne abzunehmen; wo ein Visavis einem etwas zutraut und im richtigen Augenblick wieder zurücktritt. Zu viel Führung erstickt eigenes Denken. Zu wenig Führung überfordert. Pädagogische Professionalität zeigt sich deshalb im Gespür für das richtige Mass und den richtigen Moment.
Wer junge Menschen zur Selbstständigkeit führen will, muss Verantwortung übernehmen, bevor diese Verantwortung vollständig abgegeben werden kann. Freiheit braucht Führung. Nicht als Gegensatz, sondern als Bedingung.
Ich habe diese Erfahrung selbst gemacht – vor vielen Jahren, als Student. Mein pädagogisches Grundstudium absolvierte ich in Freiburg im Üechtland; danach wechselte ich an die Universität Bern. Als ich bei einem Professor um Aufnahme ins Studium bat, fragte er mich: «Sie wollen bei mir studieren? Woher kommen Sie?»
«Aus Freiburg», antwortete ich.
Er hielt kurz inne.
«Aha. Von Freiburg? Können Sie auch etwas?»
Dann gab er mir ein Thema für eine wissenschaftliche Arbeit und meinte trocken: «Denken Sie nach und kommen Sie in vierzehn Tagen wieder. Ich will keine Disposition. Ich will von Ihnen eine Idee zum Thema hören.»
Und dann sagte er einen Satz, den ich nie vergessen habe: «Das Denken folgt dem Aufblühen einer Zielidee.» Ich schrieb die Arbeit. Und durfte bleiben.
Was mir geblieben ist, war nicht die Arbeit. Nicht die Methode. Nicht ein Verfahren. Es war die Erfahrung, dass mich jemand nicht entlastet, sondern mir etwas zutraut. Der Professor gab mir keine Antwort. Er gab mir eine Zumutung. Und gerade dadurch führte er mich zu meinem eigenen Denken.
Vielleicht liegt darin das Paradoxe guter Führung: Sie macht sich selbst zunehmend überflüssig – aber nicht zu früh.
Individualität braucht Gemeinschaft
Eine zweite Spannung betrifft das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft. Unsere Zeit betont mit Recht das Individuum. Jedes Kind soll seinen eigenen Weg gehen, im eigenen Tempo lernen und individuell gefördert werden. Doch was geschieht, wenn wir nur noch das Individuum sehen?
Der Soziologe Norbert Elias hat von der Wir-Ich-Balance gesprochen. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Bildung geschieht nämlich nicht nur im Kopf des Einzelnen. Sie entsteht auch im Raum zwischen Menschen.
Wir kennen solche Unterrichtsmomente: Eine Klasse arbeitet an einer schwierigen Frage. Zunächst ist es still. Dann beginnt eine Schülerin vorsichtig zu sprechen. Ein anderer widerspricht. Ein dritter führt den Gedanken weiter. Jemand entdeckt einen Zusammenhang, den vorher niemand gesehen hat.
Langsam entsteht etwas, das kein einzelner Schüler allein geplant hat: gemeinsames Denken. Nicht perfekt. Nicht immer effizient. Aber lebendig. Hannah Arendt hat dafür einen wunderbaren Satz gefunden: «Die Welt liegt zwischen den Menschen.» Das gilt wohl auch für Bildung.
Der Bildungsraum liegt im Gespräch, im Widerspruch, im gemeinsamen Staunen und im gemeinsamen Ringen um eine Sache. Gerade deshalb ist die Klasse mehr als eine organisatorische Einheit. Sie ist ein sozialer Resonanzraum. Wenn Lernen immer stärker individualisiert wird – jeder an seinem Gerät, mit seinem Programm, jede in ihrem Tempo –, kann etwas verschwinden, das sich kaum messen lässt: die Erfahrung, mit anderen gemeinsam zu denken.
Das bedeutet nicht, Individualisierung zurückzunehmen. Es bedeutet, sie nicht mit Vereinzelung zu verwechseln. Individualität entsteht nicht für sich allein. Individualität braucht Gemeinschaft. Selbstständigkeit bedeutet nicht, niemanden mehr zu brauchen. Sie bedeutet, mit anderen selbstständig sein zu können.
Digitalisierung braucht Wirklichkeit
Damit sind wir bei einer dritten Spannung: dem Verhältnis von Weltbegegnung und Weltvermittlung. Digitale Medien eröffnen Möglichkeiten, von denen frühere Generationen nur träumen konnten. Informationen sind jederzeit verfügbar. Wir können ferne Orte sehen, historische Ereignisse simulieren, Zusammenhänge visualisieren und mit wenigen Klicks auf riesige Wissensbestände zugreifen. Das ist ein Gewinn.
Doch was geschieht, wenn die digitale Vermittlung zur vorherrschenden Form unserer Weltbeziehung wird? Der Soziologe Hartmut Rosa spricht vom «Nadelöhr der Weltbeziehung». Die Welt wird uns zugänglich – aber durch einen immer schmaleren Kanal.
Ein Beispiel macht den Unterschied deutlich: Kinder beschäftigen sich im Unterricht mit Burgen. Sie sehen Bilder, recherchieren Informationen und arbeiten sich durch digitale Materialien. Andere Kinder stehen zur gleichen Zeit in einer wirklichen Burg. Sie gehen durch ein Tor. Steigen über eine alte Treppe. Stehen unter einem Bergfried. Spüren die Kühle der Mauern. Riechen den Stein. Sehen die Landschaft durch eine Scharte.
Beides ist Lernen. Aber es ist nicht dasselbe. Das eine liefert Information. Das andere ermöglicht Erfahrung. Information erreicht den Kopf. Erfahrung erreicht den ganzen Menschen. Darin liegt ihr Bildungswert: Information beantwortet Fragen. Erfahrung stellt neue.
Deshalb braucht Bildung Wirklichkeit. Sie braucht Dinge, die Widerstand leisten. Menschen, Orte, Gegenstände, Texte, Natur, Geschichte – etwas, das uns nicht einfach auf Knopfdruck zu Diensten steht. Das gilt gerade im Zeitalter der künstlichen Intelligenz.
Ich halte wenig von Kulturpessimismus. Digitale Werkzeuge gehören in die Schule. Künstliche Intelligenz wird unsere Bildungswelt verändern. Die Frage ist nicht, ob wir sie zulassen. Die entscheidende Frage lautet: Was tun wir mit ihr – und was müssen wir weiterhin selbst tun? Denn die stille Gefahr besteht nicht darin, dass Maschinen denken. Die stille Gefahr besteht darin, dass wir die Übung des Denkens verlieren.
Wissen ist immer leichter verfügbar. Antworten erscheinen immer schneller. Urteilskraft aber entsteht nicht durch Antworten. Sie entsteht durch Ringen. Durch Lesen. Durch Schreiben. Durch Rechnen. Durch Konzentration. Durch das geduldige Verfolgen eines Gedankens. Durch den Versuch, etwas selbst zu verstehen und sprachlich zu fassen.
Ein Hochschullehrer hat mir vor vielen Jahren einen Satz mitgegeben: «Urteilskraft kann man nicht belehren. Man kann sie nur üben.» Gerade heute wird deshalb überraschend modern, was manchmal als überholt gilt: eine Sache aufmerksam lesen. Einen Gedanken zu Ende führen. Einen Text selbst formulieren. Etwas ausrechnen, ohne sofort ein Gerät zu fragen. Widersprechen können. Und vor allem: Üben. Denn wer später beweglich sein soll, muss gelernt haben, bei einer Sache zu bleiben.
Woraus Selbstständigkeit wächst
Wenn wir die drei Spannungsfelder nebeneinanderlegen, zeigt sich ein gemeinsames Muster:
- Freiheit entsteht nicht aus sich selbst.
- Individualität entsteht nicht aus sich selbst.
- Urteilskraft entsteht nicht aus sich selbst.
Alles, was später tragen soll, braucht einen Boden, auf dem es wachsen kann. Darum gilt:
- Freiheit braucht Führung.
- Individualität braucht Gemeinschaft.
- Digitalisierung braucht Wirklichkeit.
Das bedeutet nicht, dass wir zurück in eine vermeintlich bessere Vergangenheit ziehen müssten. Im Gegenteil. Schule muss sich verändern. Sie muss neue Technologien nutzen, neue Lernformen prüfen und junge Menschen auf eine Welt vorbereiten, die sich rasant wandelt. Aber sie darf dabei nicht vergessen, was keinem technologischen Wandel unterliegt: Sprache. Denken. Urteilskraft. Verantwortung. Beziehung.
Darin liegt auch eine Antwort auf die Ausgangsfrage: Einsam oder gemeinsam?
Selbstgesteuertes Lernen ist kein Zustand, den man Kindern einfach übergeben kann. Es ist ein Entwicklungsprozess. Es entsteht dort, wo junge Menschen zunehmend Verantwortung für ihr Lernen übernehmen – weil andere ihnen zuvor Orientierung gegeben, sie herausgefordert, begleitet und ihnen etwas zugetraut haben.
Der Weg führt vom Gegenüber zur Selbstständigkeit. Vom gemeinsamen Denken zum eigenen Denken. Von der Welt, die uns gezeigt wird, zur Welt, die wir selbst zu verstehen beginnen.
Man wird selbstständig nicht dadurch, dass man allein gelassen wird. Man wird selbstständig, weil andere Menschen einen auf dem Weg zur Eigenständigkeit begleiten.
Vielleicht ist das die eigentliche pädagogische Aufgabe: nicht Menschen «hervorzubringen», die niemanden mehr brauchen, sondern Menschen zu bilden, die selbst denken, urteilen und handeln können – und zugleich fähig bleiben, mit anderen und in der Welt zu leben.
Wir kommen im Anderen zu uns selbst.
Bildung braucht Beziehung.
Carl Bossard, CH-Stans / 18. April 2026