Positionen der Katholischen Kirche zur Künstlichen Intelligenz. Von Andreas Büsch. Erschienen in: RUplus – Magazin für den Religionsunterricht, 27. April 2026 (reliplus.de) des Bistums Mainz
Mag die katholische Kirche auch in etlichen Feldern – bisweilen zurecht – das Image einer mehr oder minder von gesellschaftlichen Entwicklungen entkoppelten Institution haben, so gilt dies – für manche vielleicht überraschend – hinsichtlich Digitalität und Künstlicher Intelligenz eher nicht. Der folgende Beitrag zeichnet anhand der letzten vatikanischen Dokumente die Positionen der Katholischen Kirche zu künstlicher Intelligenz nach. Ausgangspunkt dazu ist der Rome call of AI Ethics (2020), eine globale Initiative zur Regulierung von Künstlicher Intelligenz durch einen verbindlichen ethischen Rahmen. Der Bogen spannt sich über die Botschaft von Papst Franziskus zum 58. Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel und seine Weltfriedensbotschaft (beide 2024) und – mit über 100 Nummern umfangreichstes Dokument zum Thema – die Note Antiqua et nova (AEN) der Dikasterien für die Glaubenslehre und für Kultur (2025) bis hin zur jüngsten Botschaft von Papst Leo XIV. zum Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel (2026).
Durchgängig erkennbar in allen Dokumenten ist, dass das Lehramt der katholischen Kirche Künstliche Intelligenz (KI) nicht primär als technisches Thema ansieht. Vielmehr liegt der Akzent auf theologisch-anthropologischen und ethischen Fragen (vgl. AEN 3; Papst Leo XIV. 2026). Denn die rasante Entwicklung der KI fordert unser Selbstverständnis als Menschen fundamental heraus. Die Katholische Kirche hat diese Entwicklung frühzeitig erkannt und durch die genannten Dokumente ein umfassendes ethisches und theologisches Fundament für den Umgang mit KI gelegt. Der folgende Überblick fasst die zentralen Positionen, Hoffnungen und Warnungen der Kirche systematisch zusammen.
1. Was ist KI? Anthropologische Grundlagen und das kirchliche Verständnis
Um die ethischen Implikationen der KI zu bewerten, muss zunächst geklärt werden, was die Kirche unter Künstlicher Intelligenz versteht. Dabei warnen die Dokumente nachdrücklich davor, menschliche und künstliche Intelligenz gleichzusetzen (AEN 10 u. ö.). Vielmehr wird KI von der Kirche funktional verstanden (AEN 7): Moderne KI-Systeme stützen sich auf statistische Schlussfolgerungen und die Erkennung von Mustern in riesigen Datensätzen, um kognitive Prozesse und Problemlösungen nachzuahmen. Obwohl sie Aufgaben mit enormer Geschwindigkeit ausführen können, bleibt die KI auf einen logisch-mathematischen Rahmen beschränkt. Die KI ist keine künstliche Form der Intelligenz, sondern lediglich ein Produkt menschlicher Intelligenz und ein technisches Werkzeug (AEN 59), das bei aller Leistungsfähigkeit nur „in der Lage ist, bestimmte mit Rationalität assoziierte Vorgänge zu imitieren“ (AEN 30).
Demgegenüber ist die menschliche Intelligenz untrennbar mit der Leiblichkeit und Gottesebenbildlichkeit (Imago Dei) verbunden. Das christliche Denken begreift den Menschen als ein wesentlich inkarniertes Wesen, das aus einer untrennbaren Einheit von Leib und Seele besteht (AEN 16). Unsere Intelligenz wächst durch physische, emotionale und soziale Erfahrungen, die einer leblosen Maschine gänzlich fehlen. Zudem ist die menschliche Intelligenz von Natur aus auf die Erkenntnis der Wahrheit und das Gute ausgerichtet (AEN 21). Papst Leo XIV. betont, dass uns Gott durch unser Gesicht und unsere Stimme – als unverwechselbare Merkmale der Identität und Beziehung – einen unauslöschlichen Abglanz seiner Liebe eingeprägt hat, der uns von „biochemischen Algorithmen“ (Papst Leo XIV. 2026) fundamental unterscheidet. KI kann echte Empathie, moralisches Urteilsvermögen und personale Begegnung daher immer nur simulieren, niemals aber real vollziehen (AEN 32).
2. Was die Päpste an der KI begrüßen: Potenziale für das Gemeinwohl
Die Kirche lehnt technologischen Fortschritt keineswegs ab; sie sieht ihn als Teil des Auftrags an den Menschen, mit Gott an der Vervollkommnung der Schöpfung mitzuwirken (AEN 2; vgl. Papst Leo XIV. 2026). Technologischer Fortschritt wird vielmehr ausdrücklich willkommen geheißen, sofern er dem Menschen und der gesamten Schöpfung dient.
Konkret loben die Päpste das enorme Potenzial der KI in folgenden Bereichen:
Verbesserung der Lebensstandards
KI kann „wichtige Innovationen in der Landwirtschaft, der Bildung und der Kultur vorantreiben […] sowie das Wachstum der menschlichen Geschwisterlichkeit und der sozialen Freundschaft“ bewirken, „im Dienste der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen und der Gemeinschaft“ (Papst Franziskus 2024a).
Gesundheitswesen
KI kann die Diagnostik unterstützen, Behandlungen personalisieren, die Sammlung von Gesundheitsdaten beschleunigen und so den Zugang zu hochwertiger Versorgung selbst in abgelegenen Gebieten verbessern (AEN 72, vgl. Rome call 2020).
Bildung
Gerade im Bildungsbereich tritt die Ambivalenz von KI besonders deutlich hervor. Sie kann „im Rahmen einer echten Lehrer-Schüler-Beziehung und in Hinordnung auf die authentischen Ziele der Bildung […] zu einer wertvollen Bildungsressource werden, die den Zugang zur Bildung verbessert und den Schülern personalisierte Unterstützung und unmittelbares Feedback bietet“ (AEN 80). Gleichzeitig „könnte der umfassende Einsatz der KI in der Bildung zu einer stärkeren Abhängigkeit der Schüler von der Technologie führen, wodurch ihre Fähigkeit, bestimmte Tätigkeiten selbständig auszuführen, untergraben und ihre Abhängigkeit von Bildschirmen verstärkt würde“ (AEN 81). Daher muss die Integration von KI darauf abzielen, kritisches Denken zu fördern (AEN 82).
Ökologie und Nachhaltigkeit
Systeme der künstlichen Intelligenz können helfen, Klimadaten zu analysieren, Naturkatastrophen vorherzusagen, den Energieverbrauch zu optimieren und nachhaltige Landwirtschaft zu unterstützen (AEN 95).
Inklusion
Technologien können Organisationen dabei unterstützen, Bedürftige zu identifizieren und Menschen mit Seh- oder Hörbehinderungen durch verbesserte Kommunikationswerkzeuge zu helfen (AEN 51).
3. Ethische und theologische Kernprobleme
Trotz dieser Chancen benennen die vatikanischen Dokumente erhebliche Gefahren, wenn KI nicht ethisch eingehegt wird. Die Herausforderung ist, so Papst Leo XIV., letztlich „nicht technologischer, sondern anthropologischer Natur“ (Papst Leo XIV. 2026).
Das „technokratische Paradigma“ und die Würde des Menschen
Die Päpste warnen davor, Probleme der Welt ausschließlich mit technologischen Mitteln lösen zu wollen und die menschliche Würde im Namen reiner Effizienz zu opfern – was Papst Franziskus das „technokratische Paradigma“ nannte (AEN 54). Wenn Technologie den Menschen deklassiert oder Ungleichheiten verschärft, ist dies kein echter Fortschritt. Der Mensch darf in wirtschaftlichen und sozialen Prozessen nicht auf einen bloßen Datensatz wie etwa beim „Social Scoring“ reduziert werden (AEN 94; vgl. Papst Franziskus 2024a).
Verzerrung, Manipulation und der Verlust des eigenen Denkens
Künstliche Intelligenz ist niemals neutral, denn sie spiegelt immer die Weltanschauung, Stereotypen und Vorurteile (Bias) derer wider, die sie programmieren und der Daten, mit denen sie trainiert wird. Algorithmen sozialer Medien fördern oft schnelle Emotionen, was zu sozialer Polarisierung führt und kritisches Denken sowie das Zuhören beeinträchtigt. Ein naives Vertrauen in KI als „allwissendes Orakel“ birgt die Gefahr, dass wir auf eigenes Denken verzichten, unsere kognitiven Fähigkeiten verkümmern und Menschen zu passiven Konsumenten von anonymen, maschinellen Produkten werden (Papst Leo XIV. 2026).
Datenschutz und Kontrolle
Aus christlicher Sicht ist die Frage des Datenschutzes unmittelbar mit der unveräußerlichen Würde der Person, der legitimen Freiheit und dem Recht auf Schutz der Privatsphäre verknüpft (AEN 91). Die Kritik richtet sich sowohl gegen den Verlust der Privatsphäre in sozialen Netzwerken als auch gegen die Nutzung von KI zur Erkennung von Verhaltensmustern oder zur Überwachung und Kontrolle von Menschen (AEN 92f), was letztlich eine Verletzung der Menschenwürde darstellt.
Götzendienst und der Ersatz für Gott
Aus theologischer Sicht warnt die Kirche davor, dass die Menschheit der Versuchung erliegt, in der KI einen Ersatz für Gott zu sehen. Die Anmaßung, ein allmächtiges, scheinbar „sprechendes“ Werkzeug zu vergöttern, also „Gott durch ein Werk der eigenen Hände zu ersetzen, ist jedoch Götzendienst“ (AEN 105), der letztlich in die Versklavung durch das eigene Machwerk führt und „als Techno- bzw. Cyber-Religion eine christlich verstandene Transzendenz ersetzen“ (DBK 2020, 11) wolle.
4. Konkrete Themen und Handlungsfelder
In den Dokumenten werden spezifische gesellschaftliche Bereiche ausgemacht, in denen die Auswirkungen der KI einer besonderen „Herzensweisheit“ (Papst Franziskus 2024b) und Regulierung bedürfen:
a) Arbeit und Wirtschaft
KI verändert die Arbeitswelt radikal. Einerseits eröffnet sie neue Horizonte der Produktivität. Andererseits besteht die Gefahr der Dequalifizierung von Arbeitnehmern und deren Reduzierung auf „Zahnrädchen einer Maschine“ (AEN 70, vgl. AEN 66). Wenn KI eingesetzt wird, um menschliche Arbeit aus bloßer Profitgier zu ersetzen, anstatt die Arbeitnehmer zu unterstützen, droht „das erhebliche Risiko eines unverhältnismäßigen Vorteils für einige wenige zum Preis der Verarmung vieler“ (Franziskus 2024a). Vor dem Hintergrund der katholischen Soziallehre pocht die Kirche darauf, dass „die Ordnung der Dinge […] der Ordnung der Personen dienstbar werden [muss] und nicht umgekehrt“ (AEN 69 unter Bezug auf GS 64), die Wirtschaft also dem Menschen dienen muss. Darüber hinaus ist Arbeit mehr als der notwendige Broterwerb, sondern „eine unverzichtbare Dimension des sozialen Lebens“ (AEN 69).
b) Gesundheitswesen und gerechte Zugänge zu Prävention und Versorgung
Es wird positiv bewertet, dass KI „ein enormes Potenzial für eine Vielzahl von Anwendungen im medizinischen Bereich hat“ (AEN 72). Sie darf aber niemals – aus Gründen der Rationalisierung – die zutiefst menschliche Beziehung zwischen Arzt und Patient vollständig ersetzen (AEN 73). Eine ‚Optimierung‘ medizinischer Ressourcen durch KI darf nicht dazu führen, dass Schwache benachteiligt werden, und die letzte Verantwortung für lebenswichtige Entscheidungen muss immer bei einem Menschen liegen. Gerade Antiqua et nova argumentiert an dieser Stelle kritisch, dass die gesamte KI-Technologie bestehende Ungleichheiten verstärken kann, wenn nur noch Privilegierte sich die Technologie bzw. deren Artefakte leisten können. Konkret darf es keine „Medizin für Reiche“ geben, bei der „Menschen mit finanziellen Mitteln von fortschrittlichen Präventionsinstrumenten und personalisierten medizinischen Informationen profitieren, während anderen selbst der Zugang zu grundlegenden Leistungen kaum gelingt“ (AEN 76).
c) Kommunikation, Deepfakes und Beziehungsersatz
Generative KI kann sogenannte Deepfakes erzeugen, also Texte, Stimmen und Bilder bzw. Bewegtbilder (Videos, Reels etc.), die von der Realität kaum zu unterscheiden sind. Die absichtliche oder unabsichtliche Verbreitung gefälschter Inhalte (Halluzinationen) untergräbt das gesellschaftliche Vertrauen, schürt Polarisierung und verletzt die Würde der Getäuschten (AEN 85). Die Gefahr der bewussten Manipulation wird deutlich beschrieben: Sie ist nicht nur eine Verletzung der Menschenwürde (AEN 87), sondern auch politisch bedeutsam, da „KI-erzeugte gefälschte audiovisuelle Produkte nach und nach die Grundlagen der Gesellschaft untergraben“ können (AEN 88).
Ein weiteres Feld, das erst seit kurzer Zeit intensiver erforscht wird, ist die Fähigkeit von KI, Empathie und Beziehungen nachzuahmen. Die Gefahr der Vermenschlichung (Anthropomorphisieren) der Maschine kann zumindest für anfälligere Menschen riskant sein, wenn Beziehungen zu Chatbots authentische zwischenmenschliche Beziehungen ersetzen. Letztlich können „Chatbots, die übermäßig ‚liebevoll‘ und zudem immer präsent und verfügbar sind, […] zu versteckten Gestaltern unserer emotionalen Zustände werden und auf diese Weise in die Intimsphäre der Menschen eindringen und diese in Beschlag nehmen“ (Papst Leo XIV. 2026).
d) Krieg und Frieden
Ein massives friedensethisches Problem sieht die Kirche in der Entwicklung sogenannter „tödlicher autonomer Waffensysteme“, so Papst Franziskus in seiner Botschaft zum 57. Weltfriedenstag (Papst Franziskus 2024a). Er fordert nachdrücklich, dass keine Maschine jemals die moralische Entscheidung treffen darf, ein menschliches Leben auszulöschen. Eine zunehmende Automatisierung des Krieges durch KI führt zu einer Distanzierung vom menschlichen Leid und birgt unkalkulierbare Risiken bis hin zum Terrorismus, wenn „hochentwickelte Waffen in die falschen Hände geraten“ (ebd.). Schließlich „widerspricht die Leichtigkeit, mit der autonome Waffen den Krieg durchführbarer machen, dem Grundsatz des Krieges als letztem Mittel der Selbstverteidigung“ (AEN 99).
5. Lösungsansätze: Algorethik und der „Rome Call for AI Ethics“
Um diese gewaltigen Herausforderungen zu meistern, fordert die Kirche nicht, „die digitale Innovation zu stoppen, sondern sie zu lenken und uns ihrer Ambivalenz bewusst zu sein“ (Papst Leo XIV. 2026). Papst Franziskus hat dafür den Begriff der „Algor-Ethik“ eingeführt, der mittels „eines interdisziplinären Dialogs, der auf ein ethisches Vorgehen für die Entwicklung von Algorithmen zielt“ (Papst Franziskus 2024a), dafür Sorge tragen soll, dass die ethische Dimension bereits im Designprozess der Technologie verankert wird.
Der Begriff steht auch im Zentrum des „Rome Call for AI Ethics“, der 2020 von der Päpstlichen Akademie für das Leben initiiert und von großen Technologie-Unternehmen sowie Religionsvertretern und Staaten unterzeichnet wurde. Dieses Dokument benennt sechs verbindliche Kernprinzipien für die KI-Entwicklung:
- Transparenz: KI-Systeme müssen für alle verständlich sein.
- Inklusion: Sie dürfen niemanden diskriminieren, da jedes menschliche Wesen gleiche Würde hat.
- Verantwortlichkeit: Es muss immer eine Person geben, die die Verantwortung für das Handeln einer Maschine übernimmt.
- Unparteilichkeit (Impartiality): Systeme dürfen keine Voreingenommenheit (Biases) schaffen oder reproduzieren.
- Zuverlässigkeit: Die Technik muss verlässlich funktionieren.
- Sicherheit und Datenschutz: Der Betrieb der Systeme muss sicher und der Schutz der Privatsphäre der Nutzer muss gewährleistet sein.
Darüber hinaus ruft die Kirche nach einer Regulierung durch das Völkerrecht und multilaterale Verträge (vgl. Rome call 2020). Die globale Reichweite der KI erfordert Gesetze, die verhindern, dass die Menschenrechte den Algorithmen überlassen werden. Dies bedarf der Kooperation aller gesellschaftlichen Gruppen – von Tech-Unternehmen über Pädagogen bis hin zur Politik (Papst Leo XIV. 2026).
Kritische Würdigung
Eine Übersicht der in den letzten Jahren publizierten vatikanischen Dokumente zum Thema Künstliche Intelligenz verdeutlicht eine konsistente anthropologische Argumentation. Diese kann als notwendiges Korrektiv für einen unregulierten digitalen Kapitalismus dienen, in dem sowohl Menschen als auch deren Artefakte auf bloße Datenpunkte reduziert werden könnten. Die Betonung der unaufhebbaren Würde des Menschen sowie die Unterscheidung zwischen der funktionalen Intelligenz (ratio), die die Maschinen abbilden können und dem darüber hinaus gehenden intellectus, der Suche nach der Wahrheit, die den Menschen eigen bleibt (AEN 14), bilden dabei wesentliche Eckpunkte.
Allerdings ist die Frage, ob das Beharren auf der Leib-Seele-Einheit angesichts der unverkennbaren trans- und posthumanistischen Visionen von KI-Vordenkern wie Ray Kurzweil (vgl. u.a. Kurzweil 2024) und anderen auf Dauer tragfähig ist. Für eine künftige theologische Anthropologie stellt sich möglicherweise die Herausforderung, die radikale Veränderung der menschlichen Biologie durch Technologie proaktiv mitzugestalten, statt sie lediglich defensiv abzulehnen.
Auch wenn der zuletzt breit rezipierte Dissens zwischen Papst Leo XIV und dem US-Präsidenten zu Fragen von Krieg und Friedensethik deutlich belegt, dass die katholische Kirche insbesondere in ethischen Fragen nach wie vor gesellschaftlich relevant und gefragt ist, muss aber die Frage nach der praktischen Umsetzbarkeit der „Herzensweisheit“ erlaubt sein. Denn zum einen sind theologische Ethiken bislang nicht im Curriculum der Informatik beheimatet. Und zum anderen ist fraglich, wie eine solche spirituelle Kategorie von Softwareentwicklern in einem hochgradig agilen und kompetitivem Marktumfeld praktisch in Codes übersetzt werden kann. Die Lücke zwischen der hohen ethischen Abstraktion der sechs Prinzipien der „Algor-Ethik“ (Rome call 2020) und deren technischer Implementierung bleibt eine Herausforderung.
An einigen Stellen wäre es auch hilfreich, mit einem differenzierten Begriff von KI zu arbeiten, da der Begriff nach wie vor unscharf ist und unterschiedliche technische Konzepte von algorithmischen Systemen, Expertensystemen, Machine learning, Deep learning und und agentischen Systemen umfasst. Alltagssprachlich ist mit KI offensichtlich meist generative KI wie ChatGPT gemeint; in industriellen Kontexten hat KI aber eine andere Bedeutung.
Erstaunlicherweise fehlen ausgerechnet in den untersuchten Texten von Papst Franziskus aus dem Jahr 2024 Hinweise auf die massiven ökologischen Kosten für Entwicklung, Training und Betrieb von KI-Systemen. Der immense Verbrauch an Energie, Wasser, seltenen Erden sowie der CO₂-Ausstoß werden erstmals in Antiqua et nova (96) benannt. Insofern die Bewahrung der Schöpfung ein zentraler Topos christlicher Theologie ist, verwundert es doch, dass die päpstlichen Dokumente in diesem Punkt nicht deutlicher werden, z.B. in der Forderung nach einer „grünen KI“.
Schließlich ist die wiederholte Forderung nach Transparenz an sich fragwürdig. Denn neuronale Netze und andere Systeme bilden technisch eine Blackbox, die per definitionem nicht vollständig transparent sein kann (vgl. z.B. Zweig 2025, 113ff). Ansätze wie Explainable AI können dem vielleicht abhelfen, sind derzeit aber noch eher ein Forschungsansatz als praktische Realität.
Auch in einer anderen Hinsicht bleiben die vatikanischen Dokumente bei einer allgemeinen Forderung von Transparenz hinter den Möglichkeiten zurück. Das Katholische Büro Berlin (2025) fordert dagegen in seiner Stellungnahme sehr präzise technische Frameworks, z.B. durch den Einsatz von RAG (Retrieval-Augmented Generation), um die geforderte Transparenz erreichen zu können.
Pastoral-praktische Relevanz muss die Tragfähigkeit der vorgestellten Überlegungen auch noch beweisen. Einzelne Diözesen sind gerade dabei, eigene KI-Plattformen zu etablieren – mit entsprechender Datenschutz-Sensibilität, unter Berücksichtigung der notwendigen Schulungen (EU AI Act, Art 4).
Derweil hat sich Papst Leo XIV. bei einem Treffen mit Priestern seines Bistums Rom im Februar dagegen ausgesprochen, dass sie KI-Anwendungen zur Erstellung von Predigten nutzen. Raten Sie, was auf zahlreichen Fortbildungen des Autors zum Thema KI für pastorales Personal eine der gefragtesten Anwendungsmöglichkeiten ist?
Fazit
Die Position der Katholischen Kirche zur Künstlichen Intelligenz ist von einer hoffnungsvollen, aber zutiefst wachsamen Differenziertheit geprägt. Die Päpste erkennen an, dass KI das Potenzial hat, die Welt zum Guten zu verändern, wenn sie als Werkzeug begriffen wird, das den intellektuellen, physischen und spirituellen Bedürfnissen des Menschen dient.
Gleichzeitig formuliert die Kirche ein klares Stoppschild dort, wo die Technologie droht, die absolute Unverfügbarkeit und Würde des menschlichen Lebens anzutasten – sei es durch den Einsatz autonomer Waffensysteme, die Auslagerung moralischer Entscheidungen an Algorithmen, den Aufbau einer Überwachungsgesellschaft oder die systematische Substitution menschlicher Beziehungen durch künstliche Surrogate. In einer Zeit, in der uns immer mehr Daten und Informationen zur Verfügung stehen, ist nach kirchlichem Verständnis nicht bloße Rechenleistung, sondern die „Weisheit des Herzens“ (Papst Franziskus 2024b) gefragt. Nur so können wir sicherstellen, dass wir Menschen weiterhin die Technologie beherrschen, die wir erschaffen haben – und nicht etwa umgekehrt.
Auch ohne dies ausdrücklich zu betonen, wendet sich die Kirche damit auch gegen die faktischen Oligopole, die die Anbieter der großen KI-Modelle darstellen, insofern diese durchweg nicht Frieden und Gemeinwohl als Unternehmensziele haben.
Artikel als PDF downloaden: Die Päpste und die KI von Andreas Büsch

Prof. Andreas Büsch, Diplom-Theologe, Diplom-Pädagoge, ist Professor für Medienpädagogik und Kommunikations-wissenschaft im Fachbereich Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule Mainz.
Von 2012 bis 2025 war er Leiter der Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz an der KH Mainz.
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