Wenn die Wirklichkeit stört

Der oberste Schulleiter der Schweiz, Thomas Minder, fordert die Abschaffung von Gymnasialprüfungen und frühen Selektionen, ja des sogenannten Langzeitgymnasiums generell. Er stellt damit ein zentrales Element der schulischen Lernleistungslogik in Frage.

Carl Bossard

Es gibt Reformen, die die Welt verbessern wollen. Und es gibt Reformen, die vor allem ein hartnäckiges Problem zu lösen versuchen: die Wirklichkeit selbst. Der oberste Schulleiter der Schweiz, Thomas Minder, gehört offenkundig zur zweiten Kategorie. Sein Kampf gegen das Gymnasium kommt als Kampf für mehr Gerechtigkeit daher. In Interviews erklärt er, weshalb Prüfungen ungerecht sind, Selektionen zu früh erfolgen (1) und Noten im Grunde ein Relikt aus einer Zeit darstellen, die längst überwunden ist.

Man muss Minder zugutehalten: Sein Projekt ist kohärent. Wenn man alle Unterschiede für ungerecht hält, dann ist die logischste Konsequenz, sie abzuschaffen. Nicht die Ungerechtigkeit. Die Unterschiede. Was auf den ersten Blick theoretisch wirkt, hat praktische Konsequenzen für die Organisation der Schule.

Konsequenz als Programm
So gesehen ist die Forderung nach der Abschaffung von Gymnasialprüfungen nur ein erster Schritt. Wenn Prüfungen als ungerecht gelten, stellt sich schnell die Frage, warum überhaupt bei ihnen Halt gemacht werden sollte. Konsequenter wäre es, auch ihre Resultate zu relativieren – und damit jene Wirklichkeit, die sie abbilden.

Denn diese Wirklichkeit ist derzeit alles andere als beliebig und berauschend. Wie der Bildungsforscher Stefan Wolter im Bildungsbericht Schweiz 2026 (2) nüchtern festhält, sinken die Lernleistungen in weiten Teilen des Schweizer Schulsystems. Nur ein Bereich widersetzt sich dem Trend: das Gymnasium. Dort bleiben die Leistungen konstant. «Konstant gut». (3)

Der Befund ist unbequem; er passt nicht ins Bild

Der störende Befund
Denn wenn ausgerechnet dort, wo selektioniert wird, die Leistungen stabil bleiben, während sie anderswo sinken, dann entsteht ein unangenehmer Verdacht: Könnte es sein, dass Selektion nicht nur Ungleichheit produziert, sondern auch Leistungsfähigkeit sichert? Ein zunächst unangenehmer, aber letztlich hilfreicher Verdacht.

Doch eine solche Frage ist im reformpädagogischen Diskurs ungefähr so willkommen wie ein Taschenrechner im Kopfrechnen.

Die flache Schule
Doch Thomas Minder denkt weiter. Wenn Selektion ungerecht ist, dann muss sie später stattfinden. Am besten ganz am Ende. Oder noch besser: gar nicht. Alle gehen gemeinsam durch die Schule, möglichst lange, möglichst gleich. So sein unermüdliches Mantra.

Das hat einen bestechenden Charme. Es ist die pädagogische Variante der flachen Erde: Niemand fällt mehr herunter, weil es keine Kanten mehr gibt. Nur bleibt eine kleine Unbequemlichkeit: Die Unterschiede verschwinden nicht, nur weil man sie nicht mehr misst. Sie verlagern sich. Sie zeigen sich später. Oft unangenehmer, ja brutaler. Wer glaubt, man könne Leistungsunterschiede durch institutionelles Wegschauen aufheben, verwechselt Pädagogik mit Magie.

Die halbe Wahrheit
Besonders elegant ist die Argumentation, wonach Prüfungen soziale Ungleichheiten verstärken. Das ist nicht falsch. Aber es ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte lautet: Ohne überprüfbare Leistungskriterien verstärken sich soziale Ungleichheiten erst recht – nur im Verborgenen. Dann entscheiden nicht mehr transparente Anforderungen, sondern Herkunft, Habitus und das berühmte «Gefühl» dafür, wer wohin gehört.

Mit anderen Worten: Die Abschaffung der Messung schafft nicht Gleichheit, sondern Intransparenz. Die Lernleistung ist der einzig sozialneutrale und damit demokratiegemässe Massstab.

Leistung ohne Folgen
Der vielleicht kühnste Gedanke in Minders Reformgebäude ist jedoch ein anderer: dass Leistung zwar wichtig sei, aber bitte ohne ihre sichtbaren Konsequenzen.

Das ist, als würde man den Sport lieben, aber die Rangliste abschaffen. Alle laufen, alle schwitzen, alle geben ihr Bestes – und am Ende sind alle Erste. Ein zutiefst unschweizerischer Traum: der Gipfel ohne Aufstieg – und ohne Anstrengung.

Der blinde Fleck
Dabei wäre der Ausgangspunkt eigentlich unbestritten: Der Start soll für alle möglichst gleich sein. Die Wege dürfen unterschiedlich sein. Und am Ende sollte zählen, was jemand kann. Das Problem ist nur: «Was jemand kann» lässt sich nicht durch wohlmeinende Erklärungen ersetzen. Es muss festgestellt werden. In der Schule. Möglichst fair, möglichst sorgfältig und – als Ergänzung zu den Noten – in wohlwollender, fördernder Sprache. Aber eben: festgestellt.

Gerade für Kinder aus weniger privilegierten Verhältnissen ist die Schule oft der einzige Ort, an dem Leistung sichtbar und wirksam werden kann. Wer dieses Instrument schwächt, schwächt nicht die Privilegierten, sondern deren Korrektiv.

Die Rückkehr der Realität
Man kann die Schule humaner machen, verständnisvoller, differenzierter. Das ist notwendig. Man kann aber nicht die Realität abschaffen, ohne dass sie sich an anderer Stelle zurückmeldet. Und sie tut das erfahrungsgemäss meist mit weniger pädagogischem Feingefühl.

Die Wirklichkeit ist ein geduldiger Lehrer – aber kein billig nachsichtiger


  1. in: SonntagsBlick, 05.04.2026, S. 1ff.
  2. SKBF (2026). Bildungsbericht Schweiz 2026. Aarau: Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF).
  3. Sebastian Briellmann, Erich Aschwanden, Im Bildungswesen toben Verteilkämpfe, in: NZZ, 24.03.2026, S. 8